Sind Tesla-Fahrer die neuen Veganer?

Sind Tesla-Fahrer die neuen Veganer?

Liebe Tesla-Fahrer, wir müssen da mal reden. Was ist eigentlich los mit euch?
Tesla Fahrzeuge sind faszinierend. Schnell, gutaussehend und vor allem hier in der Schweiz total im Trend. Leider sind die Tesla-Kunden aber oft übertriebene Moralisierer, ähnlich wie Veganer.

Wie erkennt man einen Tesla Fahrer? Richtig, er erzählt es einem! Abgeleitet vom berühmten Witz mit Veganern sind ähnliche Tendenzen unterdessen auch bei Tesla Kunden zu erkennen. Sie nennen sich selbst „Opinion-Leader“ oder „First Mover“ und lassen es sich nicht nehmen, ein Selfie mit ihrem Model S an der Ladestation auf Facebook zu posten. Man muss dem Internet ja mitteilen, dass man gerade die Welt vor noch mehr bösen Benzinschluckern rettet. Aber woher kommt das? Zurück zu den Veganern.

Veganer haben sich aus den unterschiedlichsten Gründen für ihre Lebensweise entschieden. Wichtige Gründe sind der Tierschutz bzw. Tierrechte, die eigene Gesundheit und der Umweltschutz. Ähnlich sieht es bei den Tesla Kunden aus. Das stimmige Design und die guten Fahrleistungen sind nur einen Bruchteil der psychologischen Verkaufsstrategie. In Wahrheit kaufen sich die meistens zwischen 35 und 55 Jahre alten Käufer mit ihrem Tesla einen persönlichen Image-Vorteil gegenüber den „zurückgebliebenen“ BMW-, Mercedes-Benz- oder Audi-Kunden. Daraus ensteht, ähnlich wie bei Veganern, aus der Rechtfertigung für das Elektromobil oft tiefgründige Missionsarbeit für die Elektromobilität.

Sind Tesla-Fahrer die neuen Veganer?

Visionen und die fehlende Rentabilität

Wer ist dafür verantwortlich? Der Mann hinter der Marke Tesla, Elon Musk. Gegründet im Jahre 2003 in Palo Alto gilt er gleichzeitig als Mobilitäts-Revoluzzer und als Finanz-Messias, der bis ins Jahre 2018 500’000 und bereits 2020 eine Million Elektroautos pro Jahr bauen und verkaufen will. Zum Vergleich, 2015 hat Tesla knapp 50’000 Fahrzeuge ausgeliefert. So scheint dieser Wachstum allerdings ziemlich abenteuerlich und erinnert an eine andere Marke, die ebenfalls durch einen umstrittenen Vordenker zum wertvollsten Unternehmen der Welt wurde. Apple und Steve Jobs. Das Problem: Musks Visionen sind noch weit ehrgeiziger als die von Jobs.

Das spiegelt sich dann auch in den Unternehmensresultaten wieder. Tesla schreibt seit Jahren Verluste, obwohl die Verkäufe steigen, 2013 waren es 74 Millionen Dollar, 2014 bereits 294 Millionen und im letzten Jahr sogar 889 Millionen Dollar. Im ersten Quartal 2016 allein belief sich der Verlust auf 282 Millionen Dollar. So macht unterdessen die gesamte Verschuldung (Fremdkapital) mittlerweile beinahe 90 Prozent am gesamten Kapital aus. Doch Musk schafft es weiter Investoren zu überzeugen und so neue Gelder anzusammeln: 635 Millionen Dollar waren es 2013, 1,5 Milliarden Ende 2015, allein im ersten Quartal kamen erneut 715 Millionen Dollar dazu.
Aber eigentlich müsste doch klar sein: Hier sieht alles nach Scheitern aus?

Nicht ganz. Dafür spricht die gigantische Marketingmaschine von Musk, welche die Käufer in sprichwörtliche Markenbotschafter für die Elektromobilität transferiert, andererseits ist der Bruttogewinn positiv, heisst also, dass wenn man vom Erlös der verkauften Autos die unmittelbaren (variablen) Herstellungskosten abzieht, bleibt ein Überschuss zurück. Ungedeckt bleiben weiterhin die Fixkosten für Forschung und Entwicklung, Administration, Steuern, Zinsen und Marketing. Kann man diese Fixkosten langfristig, also mit dem erweiterten Modellangebot (Model X, Model 3 etc.) nicht decken, wird es eng für Tesla.

Das Model 3 als Rettung?

Der Grossangriff von Tesla heisst Model 3. Zum Basispreis von rund 35.000 Dollar können die Kunden das Model 3 sofort bestellen, ausgeliefert wird es aber nicht vor 2017. Frech von Tesla: Jeder Besteller muss eine Reservierungsgebühr von 1000 Dollar an Tesla bezahlen. Also quasi ein zinsloses Darlehen an Tesla Motors. Bei rund 400’000 Bestellungen spült das 400 Millionen Dollar in die Tesla-Kasse.

Der Knackpunkt: Experten sind sich sicher, dass das Model 3 später und teurer auf den Markt kommen wird. Zudem wird das Model 3 wohl für viele Kunden ein Zweit- oder sogar Drittauto werden, was der Umweltbilanz nicht hilft, sondern diese noch verschlimmert. Denn über die Bestellung und die Herstellung zusätzlicher Autos erhöht sich die Umweltbelastung. Zusätzlich darf man sich als europäischer Tesla-Kunde ruhig mal fragen, wie die guten Fahrzeuge aus den USA nach Europa kommen? Richtig, auf riesigen Containerschiffen, die von Umweltverträglichkeit soviel halten wie ein Veganer von einem Rumpsteak.

Da wären wir also wieder bei den Veganern angelangt. Was bringt es also Tesla zu fahren, aber keinen Strom aus erneuerbaren Energien (Wasser, Sonne, Wind) zu tanken? Nichts, ausser sich selbst einreden zu können, man sei ein Vorreiter der Elektromobilität, ein „First Mover“, ein „Opinion Leader“ oder einfach ein von Meeting-zu-Meeting-rennender Midlife-Crisis Hipster im Business-Anzug.

Tesla und Veganismus als Wohlstandsdekadenz?

Fassen wir also kurz zusammen: Über Jahrtausende waren die allermeisten Menschen froh, überhaupt etwas zu essen zu haben – und für zu viele Menschen gilt das auch heute noch. Andererseits haben Menschen, sobald sie den dringendsten ökonomischen Sorgen enthoben waren, stets damit begonnen, ihre Nahrung zu verfeinern.

So auch mit der Mobilität. Niemand braucht ein zwei Tonnen schweres Elektroschiff, nur um von A nach B zu kommen. Allerdings verfeinert es die Art zu seinem Wunschziel zu kommen. Luftfederung, Insane Mode, ihr wisst schon. So verkörpern missionierende Tesla-Kunden, ähnlich wie deren Veganer-Pendant eine besonders bizarre Mischung aus Wohlstandsdekadenz und Immoralismus.

Disclaimer: Kein Tier und kein Tesla wurden bei der Erstellung dieses Artikels verletzt.

10 Kommentare

  • cer sagt:

    Es ist einfach kompletter Unfug, von einer „gigantischen Marketingmaschine“ zu sprechen, wenn das ganze Marketing von Tesla aus ein paar Tweets vom Chef, ein paar gut positionierten Showrooms (mit sehr zurückhaltenden Beratern) und hin und wieder einer Produktpräsentation besteht. Der Eindruck, dass hier Millionen von Dollar für ein mastermind-mäßig ausgefuchstes Marketing auf allen Kanälen ausgeben würde soll in diesem Text erweckt werden, entspricht aber nicht der Realität.
    Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass so viele Tesla-Fahrer ihre Begeisterung für das Produkt und das Konzept kostenlos und freiwillig in verschiedenen Medien zum Ausdruck bringen ist ja die große Übereinstimmung mit der veganen Bewegung. Menschen, die der Meinung sind, dass ich etwas ändern muss, wenn alles so bleiben soll, wollen für den Mut, ihr Leben zu ändern Anerkennung. Na und? Immerhin haben sie etwas geleistet, und zwar mehr als nur einen Geldbetrag zu überweisen: Sie haben ihren Lebensstil hinterfragt, geändert und machen gelegentlich Kompromisse. Dafür wollen Sie, das man ihnen zuhört und ihre Argumente ernst nimmt. Ich finde das in Ordnung, auch, wenn es gelegentlich unbequem ist. Massentierhaltung und die Belästigung der Umwelt mit Lärm und Dreck sind auch unbequem.

    • Andreas Ringli Andreas Ringli sagt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Meinung zu meinem Artikel.
      Dann stimmst du meiner These von der Ähnlichkeit der Veganer mit Tesla-Kunden also zu? Das hätte ich jetzt nicht erwartet…

      Aber ganz ehrlich, nur weil jemand seinen Lebensstil hinterfragt, vielleicht sogar ändert, braucht man ihn nicht als Umwelt-Messias zu sehen. Machen Tesla „gelegentlich Kompromisse“? Beim riesigen Bordentertainment oder der Luftfederung?

  • Holi sagt:

    Der Unterschied:
    Beim Essen ist nicht 100%ig bewiesen, was gesünder ist. Einig sind sich die meisten darin, dass ein gesundes Mittelmass der richtige Weg sei – also kein religiöser Fanatismus (wie bei den Vollblutveganern).
    In der Mobilität jedoch ist es bereits seit Jahren (oder gar Jahrzehnten) jedem klar, dass es unumstösslich falsch ist, fossile Brennstoffe zu benutzen. Aber die Schmerzgrenze ist noch nicht erreicht, deshalb reagiert man hier etwas träge (und wenn der Schmerz dann beginnt, ist es bereits zu spät). Und hier kommen die sog. Tesla-Veganer (und natürlich auch die Leafs, etc.) ins Spiel: sie haben das nicht nur erkannt, sondern bereits gehandelt.
    Jeden Tag erreicht die Erde so viel Sonnenenergie, wie die gesamte Erde in 10 Jahren benötigt. Kann man diese Energie mit nur 10% Wirkungsgrad in Elektrizität umwandeln (moderne Solarzellen haben >22% Wirkungsgrad), kriegt man noch immer an 1 Tag die Energie für ein ganzes Jahr geliefert. Der Weg für eine sauberere Energiegewinnung ist also offen.
    Weshalb etwas weiterhin tun, wovon man weiss, dass es falsch ist? Wir sind die erste Generation, die das Schiff wenden kann. Alle sollen mithelfen, so gut es geht (das heisst jetzt nicht, dass alle einen Tesla kaufen müssen, es gibt viele andere Wege).
    Die Zukunft zu verbessern kommt nicht gratis und bequem. Aber ein erster Schritt ist sicher: Fossile Brennstoffe einsparen, wo immer möglich (und das kann jeder!).

    • Andreas Ringli Andreas Ringli sagt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Erläuterungen zu meinem Artikel. Leider ist aber auch in der Mobilität nicht bewiesen was der optimale Weg für die Zukunft ist. Ob ein reiner Elektroantrieb, ein Hybrid- oder ein Plug-in-Hybridantrieb lassen wir an dieser Stelle mal offen, aber ich glaube wir sind uns einig, dass wie im Artikel erläutert, die Tesla-Fahrzeuge ein interessantes Konzept sind. Sind wir also gespannt was die Zukunft bringt 🙂

      • Holi sagt:

        Ist stimme zu, dass der Optimale zukünftige Weg noch offen ist. Fakt ist jedoch, dass jegliche Fortbewegung, ermöglicht durch Verbrennen fossiler Brennstoffe, falsch ist.
        Fakt ist auch: Tesla Model S ist nicht die Rettung und keinesfalls die Ökobüchse, wie sie sein soll. Sie ist das Vehikel, das im Gedankengut der Gesellschaft den Schalter umlegen soll in der Wahrnehmung von Elektromobilen, weg von Golf-Wägelchen hin zu alltagstauglichen Familienautos.
        Die wirklichen Sparautos kommen noch eine oder zwei Generationen später.

  • Daniel Wismer sagt:

    „gigantische Marketingmaschine von Musk“
    Die Tweets, die er absetzt? Das müssten Sie erklären
    Sie wiederholen leicht unreflektiert, was viele andere Schreiberlinge auch schon veröffentlicht haben. Eine derartige Verschuldung ist nur möglich, wenn die Investoren an die Zukunftsperspektiven glauben; den Bruttogewinn erwähnen Sie zwar doch noch, aber völlig nebensächlich.
    Ich habe ein Model 3 reserviert, mit dieser Reichweite wird es eben gerade nicht als Zweitauto degradiert.
    In der Schweiz besteht der Strommix zu 65% aus Erneuerbaren, Kohle kommt dabei gar nicht vor.
    Auch asiatische Fahrzeuge werden mit Containerschiffen transportiert (so wie der australische Wein und viele vegane Produkte), wenigstens redet man endlich über den Dreck von Containerschiffen.
    Schliesslich spielt es keine Rolle, ob das Auto über zwei Tonnen schwer ist, der Durchschnittsverbrauch liegt bei 22 kWh/100km, das entspricht 2.5l Benzin!

    Ich fand den Aufhänger „Teslaner sind die neuen Veganer“ noch amüsant, man hätte mehr draus machen können, denn ja, als early adopter will man die Botschaft nach aussen posaunen.
    Hingegen scheint mir vegan asketisch zu sein, ein Elektroauto hingegen ist unverzögerte Kraft.

  • Knobi sagt:

    Bei uns soll das Model ☰ den leider noch stinkenden 1. Wagen ersetzen. Der 2. Wagen ist schon ein BMW i3. Also nix zweit oder dritt Wagen.
    Verbrenner kommen ja wohl auch mit dem Schiff oder LKW zu uns und irgendwann müssen wir ja mal anfangen auch wenns nur kleine Schritte sind.

  • Kurt sagt:

    Wo bitte kann man ein Model 3 bestellen???

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