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Kolumne: Wer als Kind mit einem Lego-Audi startet, kauft sich als Erwachsener keinen BMW – oder doch?

Ich erinnere mich an einen Sommertag im Jahr 2002. Legoland Günzburg. Ich war zehn, trug ein rotes T-Shirt, eine zu grosse Cap und das wahrscheinlich stolzeste Grinsen der westlichen Hemisphäre. Es war das erste Mal, dass ich selbst Auto fuhr. Oder sagen wir: etwas, das sich für mich exakt so anfühlte.

Der Wagen? Ein roter Audi TT – aus Lego. Mit echten Ringen am Kühlergrill, einer funktionierenden Lenkung (naja), Gaspedal, Bremse und einem Kennzeichen: IN:TT 23. Ich war aufgeregt, fast ehrfürchtig. Jeder Meter auf dieser abgesperrten Strecke war ein Triumph. Die Zuschauer hinter der Absperrung? Für mich war das Spa-Francorchamps. Ich war Fahrer, Held, Kind – alles auf einmal.

Ich glaube, dieser Moment hat mehr in mir ausgelöst, als ich damals ahnte. Vielleicht hat er sogar die Weichen gestellt. Nicht für eine Karriere, nicht für eine Marke – sondern für eine innere Verbindung zu Autos, die bis heute nicht abgerissen ist. Natürlich wurde mir das nicht sofort klar. Mein erstes richtiges Auto war kein Audi, sondern ein weisser Abarth Grande Punto mit roten Akzenten. Ein Rebell in Kleinwagenform. Laut, wild, bockig – das Gegenteil von Vernunft. Ich liebte ihn dafür. Danach kam ein MINI John Cooper Works, den ich fünf Jahre lang fuhr und in ein kompromissloses Tracktool verwandelte – Käfig, Gurte, Schalen, alles. Rückblickend war das vielleicht mein erstes Auto, das mehr über mich verriet, als ich mir eingestand: leistungsorientiert, puristisch, ein bisschen verrückt – aber mit Stil.

Und dann, 2017, erfüllte ich mir einen Traum. Ich hatte meine Selbstständigkeit erfolgreich gestartet, das Business lief, ich hatte das erste Mal richtig Geld verdient. Also kaufte ich mir einen BMW M2. Long Beach Blue. Handschalter. Neu. In Bar. Ich war 25, unvernünftig und dieses Auto war alles, was ich damals wollte: kraftvoll, analog, ehrlich. Die Initialzündung dafür war ein BMW M Presse-Trackday am Hungaroring – einen Tag lang M2 fahren und ich war verloren. Da war er wieder, dieser Moment aus der Kindheit. Nur mit 370 PS. Nur ohne Lego. Ohne vier Ringe.

Aber es blieb nicht so. Das Leben veränderte sich. Der Hund kam. Und mit ihm die Realität, dass ein M2 zwar deine ‚Petrolhead‘-Seele streichelt – aber mit einem deutschen Pinscher ungefähr so kompatibel ist, wie Alcantara mit Hundekrallen. Also folgte 2020 ein Audi A6 Allroad Biturbo. Ja, wirklich. Diesel. Luftfahrwerk. Raum für Hund und Alltag. Die Rückkehr zu Audi – aber nicht aus Leidenschaft, sondern aus Notwendigkeit. Und obwohl das Auto in vielerlei Hinsicht brillant war, fühlte es sich an wie ein Rückschritt. Nicht, weil es schlecht war – sondern weil ich spürte, dass ich in einem neuen Kapitel angekommen war. Eines, in dem sich Autos plötzlich vernünftig anfühlen sollten.

Parallel dazu kaufte ich mir einen 1988er 911 Targa 3.2 G50. Rot. Eine romantische Idee – ein Auto für Sommerabende, für das Gefühl, ein wenig Geschichte mit sich herumzufahren. Ich liebte den Gedanken. Weniger die Realität. Rost, Wartung, Benzingeruch, kaum Insassensicherheit, Eventuri-Luftverwirbelungen, zu wenig Einsatz. Irgendwann stand er mehr, als er fuhr. Also 2023 wieder verkauft – immerhin mit ordentlich Gewinn.

Heute fahre ich einen Audi e-tron 55 quattro. Elektrisch. Leise. Perfekt. Und gleichzeitig so steril wie ein Designhotel in Oslo. Der e-tron ist das Gegenteil von Emotion – aber er ist auch das Gegenteil von Stress. Funfact: Meine erste Fahrt in einem e-tron Vorserienfahrzeug war ebenfalls auf Ingolstädter Kennzeichen: IN:EC 975E. Er ist die Antwort auf Fragen, die ich mir früher nie gestellt hätte: Wie weit komme ich? Wie viel Energie verbrauche ich dabei? Wie kann ich möglichst komfortabel von A nach B kommen, im besten Fall ohne lokale Co2 Emissionen freizusetzen?

Und genau deshalb ist er heute mein täglicher Begleiter. Zusammen mit dem MINI Countryman JCW, der 2024 als Begleiter für den Sizilien-Roadtrip in mein Leben kam – eine emotionale Entscheidung, keine strategische. Ein Auto, das einfach gut tut – manchmal im Wechsel zum e-tron, aber am liebsten für City-Trips in enge Parkhäuser oder auf längeren Reisen. Nicht im Sinne von Effizienz, sondern im Sinne von „Peace of mind“ – besonders wenn man weiss, was mit dem letzten MINI passiert ist, kurz nachdem ich ihn verkauft habe..

Vielleicht ist das einfach der Punkt, an dem ich heute stehe – zwischen Faszination und Filter. Ich komme regelmässig in den Genuss, Autos zu fahren, die für viele nur digital existieren – als YouTube-Video, Magazin-Cover oder Messe-Highlight. Das ist ein Privileg, keine Frage. Aber es verändert auch den Blick auf das, was man selbst in der Garage stehen haben will – oder eben nicht.

Mein eigener Fuhrpark ist deshalb bewusst unspektakulär. Nicht aus Mangel an Begeisterung, sondern aus dem Bedürfnis nach Ruhe. Nach einem Gegenpol zum ständigen Reiz. Er ist so etwas wie ein neutraler Gaumenreiniger – mein Stück Weissbrot zwischen zwei grossen Weinen. Unauffällig. Ehrlich. Wichtig, um den Geschmack zu behalten. Und um nicht abzustumpfen.

Vielleicht kommt er ja wieder, dieser eine Sportwagen, der nicht nur über Kurven definiert ist, sondern über Geschichten. Der nicht nur Fahrspass bringt, sondern auch Bedeutung. Einer, der nicht einfach nur fährt – sondern als Roadtrip-Compagnon etwas in einem bewegt. Aktuell? Kein Kandidat in Sicht. Und bis dahin sitze ich hier – mit einem weissen e-tron, einem sportlichen MINI Crossover (der mir erstaunlich ans Herz gewachsen ist) und einem kleinen, nostalgischen Lächeln. Und denke zurück an einen Jungen mit weisser Kappe im roten Lego-Audi. An das erste Mal am Steuer. An den Ursprung von all dem.

Und vielleicht, nur vielleicht, hat der damals mehr gespürt als gedacht – und weniger nachgedacht, als es heute manchmal nötig scheint.

3 Kommentar

  1. Wieder ein ungemein lesenswerter Beitrag. Eine persönliche Entwicklungsgeschichte am Beispiel einiger Autos. Eine sehr spannende Frage, die Andreas sich gestellt hat: Hat der „Befund“, welcher Mensch man heute ist, eventuell etwas damit zu tun, welche Autos man in seinem Leben fuhr?
    Ich glaube schon…
    Ebenso spannende Frage: Warum fahren Menschen, die beruflich viel mit Autos zu tun haben, privat vergleichsweise unspektakuläre Fahrzeuge?
    Das habe ich selbst schon ganz oft gesehen, am Rande miterlebt.
    Zählt wohl zu den ältesten und tiefsten Wahrheiten im Auto-Universum.
    Andreas hat beide Fragen in seinem tollen Beitrag souverän beantwortet.
    Eine winzige Erinnerungslücke hat sich jedoch eingeschlichen. Sein jetziger Audi e-tron ist nicht ganz „perfekt“ … Konnte man doch im Bericht von Andreas über das Vorgänger-Auto, seinen weißen Audi A6 Allroad, folgenden Satz lesen: „Jetzt, da der A6 durch den modernen e-tron ersetzt wurde und dieser in 6 Monaten schon mehr in der Werkstatt war, als der A6 in 3.5 Jahren, schaue ich mit einem Hauch von Wehmut zurück.“
    Vielleicht ist der Audi e-tron inzwischen aber zur Perfektion gereift. Man möchte es Auto und Fahrer wünschen.

    1. Lieber Klaus, herzlichen Dank für deinen tollen Kommentar – wie immer treffsicher beobachtet und charmant formuliert. Deine Frage, ob die Autos, die wir fahren, auch etwas über unsere Persönlichkeit erzählen, hat mich selbst noch eine Weile beschäftigt. Ich glaube ebenfalls: Ja, auf jeden Fall – zumindest wenn man bereit ist, ehrlich hinzuschauen.

      Was den e-tron betrifft, hast du völlig recht: Die anfängliche Euphorie hat durch einige Werkstattaufenthalte Dellen bekommen – im wahrsten Sinne des Wortes. Der zitierte Satz aus dem Rückblick auf den A6 Allroad ist mir selbst noch gut in Erinnerung, auch weil er aus echter Enttäuschung entstand. Inzwischen hat sich die Lage etwas stabilisiert – mehr dazu in einem baldigen Zwischenbericht zum Audi.

      Danke dir für deinen Gedankenanstoss – und bis bald wieder unter einer neuen Kolumne!
      Herzliche Grüsse
      Andreas

  2. Lieber Andreas,

    ja, die Ehrlichkeit (die Du erwähnst) … eine wunderschöne Pflanze, deren Verbreitung meines Erachtens seit einiger Zeit arg rückläufig ist. Der Anreiz, ehrlich zu sein, scheint nicht so groß zu sein wie die Versuchung, alles ein bisschen schöner, besser und großartiger erscheinen zu lassen.
    Wenn ich ehrlich bin, bin ich mir nicht sicher, was die Autos, die ich bislang besessen habe, genau über mich aussagen. Ich würde es allerdings sehr gerne wissen.
    Eines ist auf jeden Fall klar: Die Vielfalt macht es schwierig, zu einem eindeutigen Charakterbild zu kommen … ob das jetzt gut oder weniger gut ist, möchte ich mal offen lassen. Ich begeistere mich für Porsche 911er bis zum letzten luftgekühlten 933er. Und für Jaguar-Limousinen von Mitte der 1970er bis Ende der 1990er Jahre. (Einen E-Type oder MK II habe ich leider nie besessen. Ein XK 8-Coupé dagegen schon.) Ich bin einen Range Rover gefahren und einige Volvo-Kombis (XC 70 und V90 Cross Country Ocean Race). Kurioserweise aber auch einen elektrischen VW Up, der viel Spaß gemacht hat. Für den Alltag auch mehrere VW Golf. Audi und BMW jeweils nur einen. Ältere Mercedes aus den 70er bis 90er Jahren dagegen mehrere. Nicht getraut habe ich bei Alfa Romeo und Maserati. Was ich sehr gerne gehabt hätte: einen Aston Martin DB 9. Obwohl manche Modelle mein Auge erfreuen, hatte ich selten bis nie den Wunsch, mir ein amerikanisches Auto zuzulegen. Auch nur ein Augenschmaus, aber ebenfalls keine echte Kaufoption: Ferrari und Bentley. Dass japanische Autos so zuverlässig und langlebig sind, beeindruckt mich. Aber nur selten vermitteln sie echte Emotionen. Was sagen diese Kommentare und Vorlieben über mich aus?
    Ich versuche mal eine Selbst-Diagnose: Warum habe ich bislang keine italienischen Autos besessen, obwohl manche von ihnen wunderschön sind? Vermutlich deshalb, weil mich die ebenso schönen englischen Autos bereits einige Nerven gekostet haben… Im Zweifel ziehe ich also doch lieber deutsche Ingenieurskunst vor.
    Und um den Bogen zur eingangs erwähnten Ehrlichkeit zu schlagen: Ich weiß aus Erfahrung, dass 911er tolle Fahrmaschinen sind, gebe aber gerne zu, dass ich mir die Ur-Elfer viel lieber nur von außen anschaue, als dass ich mit ihnen über geflickte Straßen fahren oder im Feierabendstau stehen wollte. Wenn schon zähflüssiger Verkehr, dann viel lieber in einem Audi e-tron. Am liebsten in einem, der diese tollen Massagesitze hat.

    Herzliche Grüße

    Klaus

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