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Fahrbericht: Bentley Continental GT Convertible W12

Ein sonniger Nachmittag im Spätherbst, das Verdeck ist in 19 Sekunden geöffnet, die Sonne hat den Asphalt für uns vorgewärmt und eine langgezogene Kurve liegt vor uns. Anbremsen, runterschalten, in die Kurve einlenken, langsam den Druck aufs Gaspedal erhöhen und der Bentley schiesst böse grollend aus der Kurve heraus und quittiert den Abschluss dieses Prozesses mit einem tiefen und intensiven Turbozischen.

Die Sonne erwärmt die Haut, der Fahrtwind kühlt ohne unangenehm zu wirken. Das Grinsen verrät: Es ist nicht nur gut, es ist fantastisch!

Doch beginnen wir von vorne. Der Bentley Continental GT Convertible W12, also die offene Version des Continental GT wurde grundlegend überarbeitet. Früher teilte sich der Continental seine Architektur mit dem VW Phaeton, jetzt ist er auf die Plattform des Porsche Panamera gewechselt. Grundbausteine die er von Porsche übernimmt sind der voll variable Allradantrieb, die fantastische 8-Gang-Doppelkupplung und seine Luftfederung.

Bekanntlich kann Porsche sehr gute Autos bauen, somit ist das ein grosser Schritt nach vorne für Bentley. Doch spürt man den Porsche im Bentley? Nein, es ist überraschend, wie perfekt die gemeinsamen Komponenten auf das neue Herzstück, den 6,0-Liter Bi-Turbo W12 TSI Bentley-Motor ausgerichtet wurden und somit in ihrer Perfektion an Porsche erinnern, aber auch sehr emotional und luxuriös die Attribute von Bentley tragen.

Mit 635 PS und einem Drehmoment von 900 Nm beschleunigt der neue Continental GT Convertible in 3,8 Sekunden auf 100 km/h und weiter auf eine Höchstgeschwindigkeit von 333 km/h. Technisch interessant: Der W12-TSI verbindet Hochdruck-Direkteinspritzung mit Niederdruck-Einspritzung. Die Kombination dieser beiden Systeme erhöht die Laufruhe, senkt den Partikelausstoss und optimiert Leistung und Drehmoment.

Unter bestimmten Bedingungen schaltet Bentleys Zylinderabschaltung sogar eine Motorhälfte ab. Dabei werden Ein- und Auslassventile, Benzineinspritzung und Zündung von festgelegten Zylindern abgeschaltet, sodass der Motor zur Steigerung der Effizienz als Sechszylinder läuft. Auf der Schweizer Autobahn konnte ich so über 130 km einen Verbrauch von durchschnittlich 8,5 Liter Benzin / 100 km erreichen.

Das Aggregat ist ein wahres Goldstück. Sparsamkeit im Hinblick auf den Hubraum, gleichzeitig der Inbegriff von Souveränität im normalen Fahrbetrieb und im Fahrmodus „Sport“, derart wach und mächtig, dass es eine wahre Freude ist. Fährt man „oben-ohne“, kommt zudem das Spektakel des Turbozischens dazu.

Noch nie habe ich ein Fahrzeug bewegt, dass so grollend und voluminös die Gaswegnahme mit einem Druckablasszischen quittiert. Eine grosse Freude. Leider ist der Auspuffsound selbst im Sportmodus sehr zurückhaltend. Ich wünschte mir eine Auspuff-Taste im Innenraum, damit der Pilot selbst in den „nicht-sportlichen“ Modi diesem fantastischen W12 etwas deutlicher zuhören dürfte.

Fahren wir weiter, stossen wir auf weitere Kurven. Schnell fällt auf, der Bentley kaschiert sein Gewicht bis zu einem hohen Level sehr gut, er fährt sich, in Anbetracht von Gewicht und Grösse, sehr sportlich. Grund dafür ist ein neuer aktiver Allradantrieb, der die klassische 40:60-Kraftverteilung zugunsten der Hinterachse ersetzt. In «Comfort»- geht die Kraft zu mindestens 62 Prozent nach hinten, im «Sport»-Modus sind es sogar mindestens 83 Prozent.

Weiter kommt die dritte Generation des Continental GT Convertible mit der Technologie „Bentley Dynamic Ride“ an Bord, einer fortschrittlichen 48-Volt-Wankstabilisierung. Das System steuert die elektrischen Aktuatoren der Stabilisatoren an jeder Achse und passt sie an die Fahrbedingungen an. Dieses System wirkt bei Kurvenfahrten den Seitenneigungskräften unmittelbar entgegen. So werden das Handling und der Fahrkomfort verbessert und das Fahrzeug fühlt sich leichter und präziser an.

Mit insgesamt 28 Kolben ist das Bremssystem das leistungsstärkste Stahlsystem, mit dem ein Bentley bislang ausgestattet wurde. Die zweiteilige Front-Bremsscheibe hat einen Durchmesser von 420 mm. Die vorderen Bremssättel sind mit jeweils zehn Kolben ausgestattet, während die hinteren Bremssättel jeweils vier Kolben enthalten, die gegen einteilige 380 mm-Bremsscheiben drücken.

Schalten wir doch über Bentleys Fahrdynamikregelung von „Sport“ über „Bentley“ (quasi eine variable Automatikeinstellung) auf „Comfort“ und simulieren das geschmeidige Reisen, was die meisten Continental GTC Käufer wohl ebenfalls oft tun werden.

Getriebe, Lenkung und Motor entspannen sich, die dreikammrige Luftfedern aus dem Panamera, mit im Vergleich zum Vorgängermodell 60 Prozent höherer Luftmenge in der weichsten Einstellung, machen die Reise zu einem entspannten Dahingleiten.

Die Fahrt könnte gefühlt unendlich weitergehen, der Bentley vermittelt Ruhe, Gelassenheit und eine komfortable Souveränität. Der Spagat zwischen Sport und Komfort ist beim Bentley eines der Dinge, die für mich einen neuen persönlichen Benchmark gesetzt haben. Noch nie habe ich solch eine Spreizung in einem offenen GT erfahren können.

Eine Pause lädt zu einem Aussencheck ein. Widmen wir uns kurz dem Hauptunterschied zur Coupé-Variante. Das optimierte Cabriolet-Verdeck kann in nur 19 Sekunden geöffnet oder geschlossen werden und das bis zu einer Fahrgeschwindigkeit von 50 km/h. Für das Verdeck stehen sieben unterschiedliche Farben zur Wahl, darunter auch erstmals ein typisch-englisches Tweed-Material.

Interessanter Fortschritt: Die völlig neue Kombination von Materialien für die Verdeckisolierung mit einem neuen Schliessmechanismus ermöglicht zusammen mit dem optimierten Verriegelungssystem und den akustischen Massnahmen ein Grand Tourer-Cabriolet, das so leise ist wie das Continental GT Coupé der Vorgängergeneration.

Das Profil des Cabriolets ist länger und niedriger als das des Vorgängermodells, was der um 135 mm nach vorn verlagerten Position der Vorderräder zu verdanken ist. Dadurch konnten die Motorhaube verlängert und die Nase nach unten gezogen werden. So wirkt er etwas geduckter, muskulöser und bulliger. Gefällt!

Für die Beleuchtung des Continental GT Convertible wird LED-Matrixtechnologie eingesetzt, doch das wahre Highlight setzt das Diamanten-Design-Inlay der Scheinwerfer. Auch die Heckleuchten sind mit diesem Effekt ausgestattet, der die dreidimensionale Tiefe der Lampen unterstreicht.

Innen folgen die nächsten Highlights. Die Lederqualität und die Verarbeitung sind auf höchstem Niveau. Es riecht wunderbar nach hochwertigstem Leder und die komplette Haptik ist ein Fest für die Sinne.

Eine rautenförmige Riffelung mit einer detaillierten, dreidimensional facettierten Oberfläche verleiht Schaltern, Lederflächen und Wahlreglern einen wunderbaren Hauch Luxus. Leider erkennt man trotz diesen Bemühungen das Lenkradlayout aus dem Audi-Regal wieder.

Die 20-fach verstellbaren Komfortsitze sind belüftet, beheizt, mit Nackenheizung und Massagefunktion ausgestattet. Sie bieten perfekten, individuell einstellbaren Seitenhalt und sind erneut Benchmark in Sachen Komfort und Polsterung. Den letzten Schliff erhält die Innenausstattung durch optionale von Hand gesetzte Kreuzstichnähte.

Das 12,3-Zoll Infotainment ist erneut auf Basis der Porsche-Modelle, doch mit einem Unterschied. Es rotiert. Auf den ersten Blick sieht es aus, als befände sich keinerlei Bildschirm in der Mitte der Armaturentafel. Das Furnier fliesst ohne Absätze über die gesamte Fläche der Armaturentafel, während nur hinter dem Lenkrad eine digitale Instrumentenanzeige mit dünnem Chromrahmen zu sehen ist.

Wird jedoch die Start-Taste für den Motor gedrückt, gleitet das Furnierstück in der Mitte der Armaturentafel ganz sanft nach vorn und rotiert, so dass der Touchscreen seinen Auftritt feiert. Auf der dritten Seite sitzen drei elegante Analoginstrumente: Aussenthermometer, Kompass und Uhr. Diese spielerische Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft gefällt mir unglaublich gut.

Doch das ist nicht die einzige detailverliebte Reminiszenz an früher. Die Lüftungsdüsen links und rechts der analogen Uhr werden über Schieber bedient, die sich rein- und rausziehen lassen und so wie früher die Intensität der Lüftungsdüse einstellen.

Für die grosse Reise stehen zudem Audiosysteme mit einer Leistungsspanne von 650 bis 2200 Watt bereit, zudem allerlei an Fahrassistenten und Technologien wie Apple CarPlay, Echtzeit-Verkehrsmeldungen oder einen WLAN-Hotspot.

Was bleibt also?
Ein fantastisches Reisecoupé mit erstaunlicher Performance und einem sagenhaften Spagat zwischen Komfort, Sport, der Vergangenheit und der Zukunft. Der Bentley Continental GT Convertible ist fast fehlerfrei, wir vermissen nur Kleinigkeiten wie einen frei-konfigurierbaren Fahrmodus oder etwas mehr Eigenständigkeit beim Lenkradlayout. Leider wird der Preis dafür sorgen, dass viel zu wenige Menschen in den Genuss dieser Vollendung kommen. Ein Jammer und gleichzeitig eine Motivation.

Der Verbrauch lag im Schnitt bei 14,5 Liter Benzin / 100 km. Der Basispreis für den Bentley Continental GT Convertible liegt bei CHF 210’435, unser Testwagen in der Aussenfarbe “St. James Red”, mit dem Innendesign “Hotspur / Beluga / Colour Split E” und optionaler Ausstattung lag bei CHF 264’123.

Der OneMoreLap-Konfigurationstipp zur Optik:
Aussenfarbe Verdant Green, Blackline Aussenspezifikation, schwarzes Verdeck, “Mulliner Driving Specification” mit 22″ Alufelgen schwarz / poliert, Colour Split D “Burnt Oak”, Holzdekor Dual Finish “Dark Fiddleback Eucalyptus over Grand Black”, Mittelkonsole veredelt im “Côtes de Genève”-Look

Komplette Konfiguration als PDF ansehen >>

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