Wir müssen kurz über AMG reden. Nicht weil wir müssen, sondern weil man an diesen drei Buchstaben nicht vorbeikommt, wenn man HWA verstehen will. AMG ist heute ein globales Imperium: Marke, Geschäft, Skalierung, Formel 1, Modellpolitik. Das ist aus wirtschaftlicher Sicht vermutlich brillant. Aus emotionaler Sicht bleibt jedoch oft ein schaler Nachgeschmack. Denn irgendwo zwischen AMG-Line auf einem A160, Leasingraten, CO2-Balance und Elektro-Strategie ist dieses alte, leicht irre Affalterbacher Grundgefühl etwas in den Hintergrund gerückt.
Und dann steht plötzlich HWA im Raum.
Hans-Werner Aufrecht. Das „A“ stand in AMG einst für Aufrecht, nebst „M“ für Erhard Melcher und „G“ für den ersten Firmensitz in Grossaspach. Um zu verstehen, wie HWA sich von AMG unterscheidet, muss man in das Jahr 1998 zurückgehen. Als AMG an die damalige DaimlerChrysler AG veräussert wurde, löste Aufrecht den Rennsport und den Prototypenbau aus dem Deal heraus und gründete die HWA AG. Er verkaufte das Geschäft, aber er behielt die Seele.

Das Engineering hinter den Legenden
Seither ist HWA das stille Kraftwerk hinter fast allem, was in Affalterbach wirklich schnell ist. Wir reden hier von einer Bilanz, die jeden Grossserienhersteller vor Neid erblassen lässt: Elf DTM-Fahrertitel, die Entwicklung des Mercedes-AMG GT3 und Projekte wie der brachiale SL 65 AMG Black Series oder der legendäre CLK GTR Roadster. Sogar in der Formel E krönte sich HWA 2021 zum Weltmeister.
Aber HWA ist mehr als ein Rennstall. Wer einen Blick in das aktuelle Auftragsbuch der Engineering-Abteilung wirft, dem wird schwindlig. HWA ist der technologische Schattenmann hinter Hypercars wie dem De Tomaso P72, dem Apollo IE oder dem infernalischen Pagani Huayra R. Wenn Horacio Pagani – ein Mann, für den Perfektion eine obsessive Mindestanforderung ist – bei HWA anklopft, um Antriebsstränge entwickeln zu lassen, erübrigt sich jede Diskussion über die fachliche Tiefe dieses Hauses.
Vom Vakuum-Autoklav-Verfahren für hochfeste CFK-Bauteile bis hin zur kompletten Konstruktion von Hochleistungs-Chassis: Der HWA EVO profitiert von genau jener Infrastruktur, die sonst nur für die absolute Spitze der automobilen Nahrungskette reserviert ist. Er ist im Grunde ein Hypercar im Gewand einer Limousinen-Ikone.









Kein Restomod, sondern ein Hypercar im Baby-Benz-Kleid
Der HWA EVO nimmt die Silhouette des 190 E 2.5-16 Evo II, also eines jener Autos, das schon im Stand nach DTM roch, und denkt sie mit der Härte eines Ingenieurbüros neu. Er wird gern auf seine Optik reduziert, doch spannend wird es erst darunter:
- Carbon-Monolith: Die Karosserie besteht weitgehend aus Carbon. Das spart Gewicht und erlaubt jene Formensprache und Steifigkeit, die ein solches Projekt braucht.
- Transaxle-Architektur: Das Getriebe sitzt hinten, nicht vorne am Motorblock. Das ist aufwendig, teuer und in Kleinserien eigentlich völlig irrational. Genau deshalb ist es grossartig – es dient allein der Balance.
- V6-Biturbo: Mit 450 oder optional 500 PS klingt das auf dem Papier fast zurückhaltend. Aber der EVO setzt auf Einbauposition, Ansprechverhalten und thermische Kontrolle. Also auf Dinge, über die echte Fahrer reden, wenn das Marketingpersonal endlich draussen bleibt.
Natürlich ist das Ganze mit rund CHF 670’000 (ca. EUR 714’000) absurd teuer. Aber wer hier mit Vernunft argumentiert, hat den Punkt ohnehin verpasst. Solche Fahrzeuge entstehen nicht, weil jemand Excel besonders gut kann, sondern weil sie jemand bauen musste.







Die Stunde der Wahrheit: Nürburgring-Nordschleife 24h-Rennen 2026
Besonders stark wird das Ganze durch die Nachricht, dass der HWA EVO 2026 beim 24h-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife antreten wird. Zwei Fahrzeuge in der SP-X-Klasse. Dass dazu Namen wie Roland Asch und Klaus Ludwig fallen, passt ins Bild. Nicht als sentimentale Dekoration, sondern als ernst gemeinter Fingerzeig: Dieses Auto will nicht bloss wie Motorsport aussehen. Es will zeigen, dass es von Leuten gebaut wurde, die wissen, wie man unter Druck liefert. Ein Auto wie dieses muss glaubwürdig leiden können. Sonst ist es keins.
Vergessen wir die Heritage-Broschüren. Die Wahrheit gibt es in der Eifel. Wenn der HWA EVO neben dem M3 Touring Racecar in der Startaufstellung steht, sind die Herzen der Fans vergeben. Da geht es nur um den Moment, in dem der V6-Biturbo die Stille der Eifel zersägt.
Der HWA EVO wird nebst dem M3 Touring zweifellos der Publikumsliebling des Wochenendes. Warum? Weil er beweist, dass das „A“ in Affalterbach wieder gefährlich geworden ist. Und das ist das wahre OMG an dieser Geschichte.
Weitere Bilder (Quelle: HWA):








