Die meisten Verkehrsschilder sind Spasstöter: Tempolimits, Überholverbot, Parkverbot etc. Und dann gibt es dieses eine Schild, das im Winter am Dorfausgang von Davos steht: “Wintersperre”. Für den normalen Autofahrer bedeutet das: Umdrehen, Sackgasse. Für uns bedeutet es heute: Das Tor zum Paradies steht sperrangelweit offen.
Wir stehen am Fusse des Flüelapasses. Die Barriere ist unten, die Passstrasse dahinter schneeweiss, die Luft klirrend kalt. Die Kulisse könnte dramatischer nicht sein. Links und rechts türmen sich die Schneewände meterhoch, dahinter ragen die schroffen, weissgepuderten Gipfel der Bündner Alpen in den stahlblauen Himmel. Eine atemberaubende, fast kitschige Postkartenidylle – und eine Stille, die fast in den Ohren dröhnt.
Es ist dieser Moment, für den wir Autos eigentlich lieben, der aber im Alltag zwischen Pendlern und Radarfallen fast ausgestorben ist. Keine Regeln ausser der Physik, kein Gegenverkehr, kein Salz. Nur ein gesperrter Alpenpass, eine Handvoll Verrückte und das richtige Werkzeug für den Job.

Unser Spielzeug heute: Das rote Rallye-Homogationsmodell aus dem Redaktionsfuhrpark
Bevor wir den ersten Gang einlegen, müssen wir über das Auto sprechen. Unser Toyota GR Yaris ist weit entfernt von dem, was man beim Händler als “Circuit Pack” bestellt.
Das Ziel? Ein funktionales Werkzeug für den Alltag und eben genau solche Tage. Karrosserie, Bremsen, Armaturenbrett, Infotainment und das Tacho sind noch Serie, der Rest ist praktisch durchgehend modifiziert – doch mehr dazu in einem separaten Artikel.






Der Spielplatz: Flüela Ice-Driving
Wir sind zu Gast bei „Driving Graubünden“. Um das gleich vorwegzunehmen, weil Transparenz bei OneMoreLap oberstes Gebot ist: Wir haben den vollen Preis bezahlt. Keine Einladung, kein Automagazin-Rabatt. Aber wenn jemand die Schlüssel zu einem der schönsten Pässe der Schweiz hat und ihn in eine private Spielwiese verwandelt, dann zücken wir gerne die Karte, respektive ein paar “Nötli”.

Offiziell läuft das Ganze unter “Fahrsicherheitstraining“”. Man lernt Bremsen, Ausweichen, Lastwechsel. Ja, sicherheitshalber nicken wir brav beim Briefing. Aber sind wir ehrlich: Niemand fährt mit einem leergeräumten GR Yaris auf einen Pass, um das sichere Einparken zu üben. Wir sind hier, um den Begriff “Fahrstabilität”, respektive Fahren im “instabilen Zustand” neu zu interpretieren. Der Blick auf das Navi zeigt, was vor uns liegt: Ein weisses Band aus Serpentinen, Haarnadeln und schnellen Wechselkurven.
David gegen Goliath inmitten der weissen Pracht
Wir sind nicht allein am Berg. Das Teilnehmerfeld ist klein, aber exklusiv. Doch während wir uns in einer losen Gruppe mit anderen Enthusiasten – darunter weitere GR Yaris – den Pass hinaufarbeiten, sticht ein Verfolger im Rückspiegel besonders heraus. Etwas, das preislich und konzeptionell in einer ganz anderen Galaxie unterwegs ist: Ein Porsche 911 Dakar.

Dieser höhergelegte “Safari”-Elfer mit Dachgepäckträger und Verbreiterungen ist der natürliche Feind und gleichzeitig der faszinierendste Spielgefährte für unseren Yaris in dieser illustren Runde. Auf dem Papier ein völlig ungleiches Duell: Sechszylinder-Boxer im Heck gegen Dreizylinder-Turbo vorne. Stuttgart-Zuffenhausen-Kleinserie gegen Toyota-Rallyehomologation-Made-am-Fliessband.
Doch auf Eis zählen andere Gesetze. Hier regiert nicht die schiere Leistung, sondern Traktion, Radstand und der Mut, das Auto anzustellen. Und so entwickelt sich inmitten der Gruppe immer wieder ein faszinierendes Katz-und-Maus-Spiel. Wenn wir den Yaris anpendeln und quer in die Kehre werfen, sehen wir durch die Schneefontänen der Vorausfahrenden die ikonischen runden Scheinwerfer des 911ers, der sich durch den aufgewirbelten Schnee kämpft. Es ist ein Bild für die Götter: Der kleine, wütende Yaris, der Haken schlägt wie ein Hase, verfolgt von der hochbeinigen, super-seltenen Dakar-Hommage.
Quer ist mehr
Der Dreizylinder brüllt, der Begrenzer rattert, bei Gaswegnahme zischt der Turbo aggressiv. Der Modus-Wahlschalter steht auf „Track“ (50:50 Kraftverteilung), das ESC ist längst im Tiefschlaf. Es ist ein Tanz. Man bremst nicht in die Kurve hinein, man stellt das Auto an, bevor die Kurve überhaupt beginnt. Ein kurzer Zug an der Handbremse (die beim GR Yaris genialerweise den Hinterradantrieb kurz entkoppelt), das Heck bricht aus und dann heisst es: Gas. Die Torsen-Sperrdifferenziale an beiden Achsen beissen sich in den Schnee.

Manchmal verschwindet die Sicht komplett. Wenn der vorausfahrende weisse GR Yaris der Herren von “Drift Force” eine Schneewand aufwirbelt, fährt man blind in eine weisse Wolke. Man vertraut auf das Popometer, auf die Rückmeldung der starren Fahrwerkslager und darauf, dass die Schneewände am Strassenrand weich genug wären (Spoiler: Meistens sind sie es).
Fazit: Das letzte analoge Abenteuer?
Braucht man das? Nein. Ist es vernünftig, Geld dafür zu bezahlen, sein eigenes Auto auf einem schneebedeckten Bergpass an die Belastungsgrenze zu bringen, bis das Heck komplett mit Eis und Schnee zugekleistert ist? Absolut nicht.
Aber genau deswegen machen wir es. Es gehört schlicht auf die Bucket List eines jeden Petrolheads. Einmal im Leben einen Schweizer Alpenpass nicht im Sommer-Kolonnenverkehr, sondern auf einer geschlossenen Schneedecke hochzujagen – quer, laut und (fast) völlig frei.
Es ist dieser flüchtige Moment, in dem man sich fühlt wie die Rallye-Idole der Kindheit. Eine abgesperrte Passstrasse, 2383 Meter Höhe, griffiger Schnee und ein Auto, das nur darauf wartet, von der Leine gelassen zu werden. In einer Welt, die immer vernünftiger wird, ist dieser Ritt hinauf zum Hospiz nicht nur eine “Kur für die Seele”, sondern die perfekte OneMoreLap für unseren modifizierten GR Yaris und Redakteur René. Wer Benzin im Blut hat, muss das einmal gemacht haben.
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