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Alpine A110 GTS im Test: Abschiedsrunde im französischen Leichtbau-Traum

Alpine A110 GTS – Kurzfazit & Einordnung

Kurzfazit:
Die Alpine A110 GTS Abschiedsrunde war ein bittersüsser Moment im Hinblick auf eine aussterbende Spezies. Die A110 GTS vereint das straffe S-Chassis mit der Ausstattungsphilosophie des GT und bildet so die goldene – und leider letzte – Mitte. Mit 300 PS auf gut eine Tonne Leergewicht liefert sie ein beispiellos agiles, taktiles Fahrerlebnis, das in einer von 2,5-Tonnen-Elektro-SUVs dominierten Welt fast magisch wirkt.

Für wen geeignet:
Für Petrolheads, Puristen und Geniesser der analogen Fahrfreude. Wer Leichtbau über nackte PS-Zahlen stellt und am Wochenende lieber auf einsamen Alpenpässen nach dem perfekten Scheitelpunkt sucht, als beim Autoquartett mit Stammtischwerten zu prahlen.

Für wen nicht:
Für Infotainment-Junkies, Platzbedürftige und Menschen, die den Wert eines Autos an der Menge von PS & Zylindern messen.

Fahrverhalten:
Lebendig, spritzig, unmittelbar. Die Vorderachse ist unverschämt agil, das Aluminium-Chassis kommuniziert kristallklar. Die GTS-Abstimmung bringt ihn näher an die Schärfe eines Porsches, raubt ihm auf sehr schlechten Strassen aber ein winziges Stück jenes geschmeidigen Zaubers, den die weichere Basisversion noch besitzt.

Alltag & Komfort:
Hier muss man leidensfähig sein. Die Kabine ist eng, Ablagen sind quasi nicht existent. Die Kofferräume vorn und hinten fassen kaum mehr als das Nötigste für ein verlängertes Wochenende, und der hintere wird durch den Auspuff ordentlich aufgewärmt. Dafür überrascht die A110 auf der Langstrecke mit erstaunlicher akustischer Zurückhaltung.

Langstrecke & Autobahn:
Überraschend kompetent. Die Alpine ist auf der Autobahn erstaunlich leise. Das geringe Gewicht sorgt zudem für einen effizienten Verbrauch, der lange Stints zwischen den Tankstopps erlaubt. Nur für das Getränk aus der Raststätte findet man eben keinen vernünftigen Platz.

Emotion & Charakter:
Eines der lohnendsten Sportautos unserer Zeit. Sie fühlt sich in jedem Tempobereich besonders an. Kein Auto für die Massen, sondern ein Statement für das pure Fahren.

Langfassung: Vom Erstkontakt 2017 bis zur melancholischen Abschiedsrunde

Es ist ein kühler Samstagmorgen. Wenn ich die vergangenen Jahre Revue passieren lasse, war die Alpine A110 immer wieder ein treuer Gefährte für die ganz grossen OneMoreLap-Momente. Vom Erstkontakt in der Nähe von Aix-en-Provence 2017, dem Fabrikbesuch in Dieppe, dem Roadtrip nach Spa-Francorchamps, Roadtrip auf der Route Napoléon, einem Rennstreckenbesuch in der Rennversion, einem Ausflug nach Deutschland in der Color Edition und bei der Nacht der Pässe in den Schweizer Alpen. Wir zählen 10 Artikel zur A110. Das ist der OML-Rekord zu den meisten Berichterstattungen zu einer Modellvariante. Jedes Mal stieg ich mit diesem ungläubigen Kopfschütteln aus – fasziniert davon, wie viel Fahrfreude entsteht, wenn man einfach mal das Gewicht weglässt. Unser Redaktor René hat sich sogar seine eigene Traum-A110 von Waldow-Performance bauen lassen.

Und bald ist es vorbei. Grund genug für eine Abschiedstour. Heutiges Instrument: Die Alpine A110 GTS. Das Modell, das die bisherigen GT- und S-Versionen ablöst. Ab CHF 85‘000.- gibt es hier den krönenden Abschluss, bevor die Marke in das elektrische Zeitalter abbiegt.

Ersteindruck: Bleu-Alpine zum Abschluss – zufall oder perfekt koordiniert?

Zufall oder perfekt koordiniert? Dieser Testwagen trägt genau jenes schillernde Bleu Alpine, in dem wir 2017 unsere allererste “Première Édition” zum OneMoreLap-Ersteindruck entgegengenommen haben. Damals war es ein ungewisses Wiederaufleben einer Legende. Ein perfekter Startschuss für eine Abschiedsrunde, die perfekter nicht sein könnte.

Fahrdynamik: Zischen, Röcheln und die Schönheit der Leichtigkeit

Man lässt sich tief in die eng geschnittenen Alcantara-Sabelt-Schalensitze fallen. Die Sitzposition ist makellos. Ein Druck auf den rot leuchtenden Startknopf in der schwebenden Mittelkonsole. Der 1,8-Liter-Vierzylinder erwacht unmittelbar hinter dem Rücken mit einem rotzigen Bellen, bevor er in einen unruhigen, fast schon ungeduldigen Leerlauf verfällt. Der Daumen wandert zielsicher zum Fahrprofilschalter am Lenkrad. Ein Klick auf “Sport”. Das digitale Instrumentencluster wechselt in eine schärfere Optik, nun sind wir startklar.

Der erste Tritt aufs Gaspedal und das eigentliche Spektakel beginnt. Das Ansaugsystem sitzt gefühlt direkt hinter dem linken Ohrläppchen. Man hört förmlich, wie der Turbolader unter Volllast gierig die kühle Luft einsaugt, ein tiefes, raues Röcheln, das die Kabine füllt. Lupft man vor der nächsten Spitzkehre kurz das Gas, entlädt sich der Überdruck mit einem lauten, ungenierten Zischen. Zshhht! Es ist eine rohe, ungefilterte mechanische Symphonie. Man fühlt sich unweigerlich wie am Steuer eines kleinen Gruppe-B-Rallyeautos. Das Geniale daran: Dieses Auto liefert genau dieses Feuerwerk an Emotionen bereits bei Geschwindigkeiten deutlich unterhalb des Tempolimits. Wo man in vielen modernen Sportwagen erst jenseits des Führerscheinverlusts Spass hat, zelebriert die Alpine das pure Fahrerlebnis schon im legalen Landstrassentempo. Die künstlichen “Pops and Bangs” aus dem Auspuff hätte Alpine sich da fast sparen können, die echte Mechanik ist Musik genug.

Dazu gesellt sich das Handling. Die A110 GTS bedient sich beim Sportfahrwerk der S-Version. Das Resultat ist eine ungemein spitze, spielerische Vorderachse. Sobald man einlenkt, “beisst” die Front in den Asphalt. Das Auto atmet mit der Strasse, das leichte Aluminium-Chassis teilt einem jede Unebenheit über das Lenkrad mit.

Man muss aber ehrlich sein: Die GTS verliert durch diese straffere Gangart auf unseren Schweizer Strassen ein klein wenig von jenem unaufgeregten Flow, der die weichere Basis-A110 so unfassbar magisch macht. Manche sagen, bei 300 PS muss es auch das harte Fahrwerk sein – ich bin da anderer Meinung.

Ihre absolute Stärke liegt in der schieren Abwesenheit von Masse. Mit knapp über 1.100 Kilogramm Leergewicht kämpft hier nichts gegen die Physik, hier tanzt man mit ihr. Fliegen wir auf die nächste Kehre zu. Spätes Anbremsen – und ich meine wirklich spät. Weil keine zwei Tonnen in die Kurve drücken, verbeissen sich die blauen Brembo-Zangen mit einer stoischen, spurstabilen Ruhe in die Scheiben. Zwei Zupfer am linken Paddle, das Getriebe wirft die unteren Gänge mit einem satten Klicken rein, der Auspuff spuckt kurz auf. Und dann: das Einlenken. Es passiert fast telepathisch. Die Lenkung ist vollkommen unkorrumpiert von Antriebseinflüssen, wunderbar gewichtet und glasklar in ihrem Feedback. Ein zarter Impuls reicht, und die Vorderachse peilt mit der Präzision eines Skalpells den Scheitelpunkt an.

Während das aufwendige Doppelquerlenker-Fahrwerk die Michelin-Pneus in den Asphalt krallt, spürt man in den Handflächen exakt, wie sich die Textur des Strassenbelags verändert. Man fühlt das Auto exakt um die eigene Hüfte rotieren, das leichte Aluminium-Chassis kommuniziert jede Gewichtsverlagerung völlig ungefiltert. Millimetergenau streift man die innere Linie. Noch vor dem Kurvenausgang steigt man wieder aufs Gas. Der Vierzylinder baut rasant Ladedruck auf, das Fahrzeugheck setzt sich ein paar Millimeter und schiebt dich aus der Kurve heraus. Die Alpine belohnt keine brutale Gewalt, sondern den runden, sanften Strich und das Mitnehmen von Momentum. Es ist Fahrkultur in ihrer reinsten Form.

Antrieb: 300 PS reichen völlig, wenn man keinen Speck mit sich herumschleppt

Unter der leichten Hülle arbeitet der bekannte 1,8-Liter-Turbovierzylinder. Er leistet hier 300 PS und wuchtet bei 6‘300 U/min ein maximales Drehmoment von 340 Nm auf die Hinterachse.

Gekoppelt ist das Ganze an ein 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe. Ja, wir alle würden für einen Handschalter morden, aber das DCT macht seine Sache hervorragend. Es schaltet auf Wunsch scharf und passend, im normalen Modus aber auch alltagstauglich und effizient. So ergibt sich ein Gesamtpaket, das auf dem Papier und im Alltag beeindruckt. Doch die wahren Stärken entfalten sich erst, wenn man das Datenblatt vergisst und sich auf das Erlebnis einlässt.

Optik: Zeitlos wie die legendäre Ur-A110?

Die optische Verwandtschaft zur legendären Ur-A110 ist unbestritten, doch die moderne Interpretation ist hervorragend gealtert und wird zeitlos auch die nächsten 10 Jahre noch frisch aussehen – besonders in Bleu Alpine, der Launch-Farbe der damaligen Première Edition.

Beim Blick auf die Front stechen sofort die charakteristischen Vieraugen-Gesichts-LED-Scheinwerfer ins Auge. Ein filigranes, aber wichtiges Detail ist das ‘A’-Badge auf dem vorderen Kotflügel und der spezielle, mit ‘ALPINE’-Schriftzug gravierte Tankdeckel an der Beifahrerseite.

Ganz entscheidend für den GTS-Status sind jedoch die Räder. Unser Testwagen steht auf den dunkel abgesetzten, filigranen 18-Zoll GT Race Felgen im Mehrspeichen-Design. Hinter den schwarzen Speichen blitzen die blauen Brembo-Bremssättel mit weissem ‘ALPINE’-Schriftzug hervor, die sich in die gelochten Bremsscheiben verbeissen.

Die Heckansicht mit dem grossen “ALPINE”-Schriftzug über die gesamte Breite und dem dezenten GTS-Badge auf der rechten Seite, beide übrigens in dieser Version in schwarz gehalten.

Interieur: Herrliche Mechanik und digitale Ernüchterung

Sobald man die Tür öffnet, wird man von einer Symphonie aus tiefschwarzem Alcantara und feinem Leder begrüsst. Diese Sitze sind das Herzstück des Cockpits. Sie sind nicht nur unfassbar leicht, sondern bieten eine Ergonomie, die für eine makellose Sitzposition sorgt. Auch das Alcantara-Lenkrad mit der grauen 12-Uhr-Markierung und dem zentralen Alpine-Logo liegt perfekt in der Hand.

In der schwebenden Mittelkonsole mit dem roten Startknopf findet man zwar die bekannten, etwas fummeligen Fensterheber, aber das verzeiht man gern, wenn der Blick auf die gelochten Alu-Pedale und die massive Beifahrer-Fussstütze fällt. Und für den nötigen Hauch Motorsport-Atmosphäre sorgt etwas Sichtcarbon und das Alcantara-Segment mit der Trikolore.

Etwas aus der Zeit gefallen ist das Infotainment: klein, langsam, unscharf und verschachtelt. Hinzu kommt die fast völlige Abwesenheit von Ablagemöglichkeiten.

Fazit

Wenn sich die Sonne langsam senkt und die letzten warmen Strahlen das Bleu Alpine in nochmals leuchten lassen, mischt sich unter die fahrerische Euphorie unweigerlich ein Gefühl der Wehmut. Für die Alpine A110 – und mit ihr für die wunderbar unvernünftige Spezies der puristischen Leichtbau-Verbrenner – geht langsam, aber sicher das Licht aus.

Wir mögen sie in all den gefahrenen Ausbaustufen. Ein französisches Meisterwerk, das sich durch Leichtigkeit und Fahrgefühl tief in dein Petrolhead-Herz fährt und dort bleibt. Mit der A110 GTS bekommt man ein Fahrzeug, das einen ganz eigenen, puren Charakter hat und sich seltener und besonderer anfühlt als die aussterbende Konkurrenz. Wer die Gelegenheit hat, sich noch eines dieser Fliegengewichte in die Garage zu stellen, sollte nicht zögern. Es war uns eine Ehre, Alpine A110.

Unser Verbrauch lag im Schnitt bei 9.3 l / 100 km. Der Basispreis beginnt bei CHF 85’400.-, der Testwagenpreis lag bei CHF 88’780.-.

OneMoreLap.com-Konfigurationstipp:
Bleu Alpine, Beklebung French Signature, 18″-Leichtmetallfelgen “GT Race” in Tonnerre-Grau Matt, Bremssättel Brembo® in Alpine Blau, Sabelt Racing Alcantara mit blauen Nähten, Akrapovič Titan-Abgasanlage, Dach aus Carbon

Das OneMoreLap Video-Experiment: Pure POV

2017 war das letzte Mal, dass für OneMoreLap eine Videokamera lief. Doch für die Abschiedsrunde der Alpine A110 GTS brechen wir unsere YouTube-Pause für ein kleines Experiment. Wir wollten auf Video festhalten, was die Alpine in der heutigen Zeit so einzigartig macht: Das rohe Ansaugröcheln, das laute Turbozischen und das metallische Klicken der Schaltpaddles entfalten ihre Magie bereits bei einem völlig entspannten Landstrassentempo. Genau deshalb gibt es jetzt unser “Pure POV” (Point of View) >>

Weitere Impressionen:

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