Porsche 911 GT3 (991.1) – Kurzfazit & Einordnung
Kurzfazit: Der Porsche 991.1 GT3 ist die erste GT3-Generation nach der Mezger-Ära – 475 PS aus 3,8 Litern Saughubraum, 9000 Umdrehungen, ausschliesslich 7-Gang-PDK, erstmals mit aktiver Hinterachslenkung, 3,5 Sekunden auf hundert, 315 km/h. Fahrdynamisch ist er dem Vorgänger in jeder messbaren Disziplin überlegen und trotzdem günstiger als dieser. Der Grund dafür sind zwei Motorenrückrufe, rund 6300 gebaute Exemplare und eine elektromechanische Lenkung, die weniger meldet als die hydraulische davor. Ein aussergewöhnliches Fahrzeug mit einer Vorgeschichte, die man beim Kauf mitkauft.
Für wen geeignet: Für Trackday-Fahrer, denen Rundenzeit und Standfestigkeit auf der Strecke wichtiger sind als Sammlerlogik. Für Fahrer, die einen Saugmotor mit 9000 Umdrehungen zum tiefstmöglichen Preis erleben wollen und dafür Recherchearbeit in Kauf nehmen. Für Käufer, die einen Wagen mit G6-Motor gefunden haben, ihn per Vorkaufsprüfung bestätigen liessen und eine Approved-Garantie abschliessen können.
Für wen nicht: Für alle, die einen GT3 als Wertanlage betrachten – 6300 Exemplare sind die schlechteste Ausgangslage der ganzen Baureihe. Für Fahrer, die Lenkungsrückmeldung und Handschaltung über Rundenzeit stellen; die gehören in einen 997.2. Für Käufer, die nach dem Ende der Absicherbarkeit – je nach Baujahr zwischen 2028 und 2031 – ein Motorenrisiko allein tragen müssten. Für alle, die ein Auto kaufen möchten, ohne vorher Motornummern zu vergleichen.
Fahrverhalten: Ausserordentlich neutral und stabil. Die aktive Hinterachslenkung nimmt dem Elfer das klassische Untersteuern am Kurveneingang fast vollständig, die Vorderachse baut Seitenführung auf, ohne zu diskutieren. Das Vertrauen ist enorm – aber es wird geschenkt, nicht erarbeitet.
Motor & Getriebe: Der 3,8-Liter ist die grosse Stärke des Autos: linear, gierig, oberhalb von 7000 Umdrehungen von einer Intensität, die kein Turbomotor nachbaut. Das PDK schaltet härter und schneller, als es ein Mensch je könnte und nimmt einem auf der Landstrasse genau dadurch die Beteiligung, die dort den Reiz ausmacht. Unter den GT-Modellen der Baureihe 991.1 gab es einen Handschalter nur im 911 R – limitiert auf 991 Exemplare und mit dem 4,0-Liter des GT3 RS. Beim GT3 selbst kam die Handschaltung erst mit dem 991.2 zurück.
Alltag & Komfort: Für ein Auto dieser Auslegung erstaunlich gutmütig. Federungskomfort, Geräuschniveau und Ergonomie liegen auf einem Niveau, das lange Anfahrten zur Rennstrecke problemlos macht. Der GT3 ist der alltagstauglichste kompromisslose Sportwagen seiner Zeit.
Emotion & Charakter: Die widersprüchlichste Disziplin. Der Motor gehört zum Emotionalsten, was die Baureihe je hatte; Lenkung und Getriebe halten den Fahrer gleichzeitig auf Distanz. Der 991.1 GT3 begeistert im Moment des Fahrens und lässt einen hinterher über Dinge nachdenken, die mit dem Fahren nichts zu tun haben.

Langfassung: Der günstigste GT3 – und warum das ein Warnsignal ist
Er macht das so ein bisschen heimlich, der 991.1 GT3. Nicht auf der Strasse – dort macht er gar nichts heimlich, dazu später –, sondern in den Preislisten. Während sich der 997.2 GT3 in den vergangenen Jahren stillschweigend in Sammlersphären verabschiedet hat und der 991.2 GT3 gleich hinterher, sitzt der 991.1 dazwischen und wird billiger. Ein Auto, das 2013 als grösste technische Offensive in der Geschichte der Baureihe angekündigt wurde, ist heute die günstigste Art, einen GT3 mit 9000 Umdrehungen zu fahren. Das ist entweder eine Marktschwäche oder eine Chance. Wir wollten wissen, welches von beidem.
Zur Verfügung stand uns ein Fahrzeug, das in mehrfacher Hinsicht kein Katalogauto ist: karminroter Lack, Startnummernkreise, weisse Bahnen über den Kotflügeln, PORSCHE quer über die Flanke – und darunter ein Dubai-Import mit einer Grail-Klappenabgasanlage. Man kann das mögen oder nicht.

Was 2013 wirklich passierte
Kurz zur Einordnung, denn ohne sie versteht man weder das Auto noch die Preise. Der 991 GT3 wurde im März 2013 in Genf vorgestellt, zum 50. Geburtstag des 911 und er war – im Gegensatz zu 997.1 und 997.2, die beide brave Evolutionsstufen des 996 waren – ein echter Bruch. Neuer 3,8-Liter-Sechszylinder mit Direkteinspritzung, 475 PS bei 8250 Touren, Titanpleuel, Schmiedekolben, ausgelegt bis 9000/min. Erstmals eine aktiv mitlenkende Hinterachse in einem Serien-Porsche. Elektromechanische Servolenkung. Und, der Punkt, an dem sich damals die Foren zerlegten: ausschliesslich ein Doppelkupplungsgetriebe, sieben Gänge, kein Handschalter, kein Ausweg, keine Diskussion.
Die Zahlen gaben Porsche recht: 3,5 Sekunden auf 100, 315 km/h, Nordschleife unter 7:30 laut Werk – also dort, wo damals ein Carrera GT unterwegs war. Der Grundpreis lag in Deutschland bei 137’303 Euro. Und verkauft hat er sich hervorragend: rund 6300 Stück, mehr als jeder GT3 vor ihm. Zum Vergleich: 3329 Stück beim 997.1, 2256 beim 997.2. Man merke sich diese Zahlen, wir kommen darauf zurück.
Der Mezger-Motor war damit Geschichte. Und was danach kam, hat die Baureihe bis heute nicht losgelassen.




Neuntausend
Es gibt einen Moment, in dem dieses Auto aufhört, ein schneller Sportwagen zu sein und etwas anderes wird. Er liegt bei ungefähr 7000 Umdrehungen. Vorher schon: Man lässt sich in die Schalensitze fallen, dreht links den Schlüssel und im Rücken beginnt ein mahlendes, unruhiges Hämmern. Der 3,8-Liter verheimlicht bereits im Leerlauf nicht, wofür er gebaut wurde. Was auf den ersten Kilometern noch wie ein raues mechanisches Sägen klingt, ändert mit jedem Millimeter Gaspedal seinen Charakter.
Der Weg nach oben. Ab 5000 Touren füllt sich die Kabine mit einem harten, komprimierten Ansauggeräusch – der Motor holt hörbar Luft und der Vorwärtsdrang wird von angenehm zu fordernd. Bei 7000 reisst das Sägen auf. Aus dem mechanischen Grundton wird ein hochfrequentes Kreischen, das man aus dem Rennsport kennt und im Strassenverkehr eigentlich nicht erwartet.
Und dann kommt der eigentliche Punkt. Wo andere Sportwagen längst nach dem nächsten Gang verlangen, fängt der GT3 an. Bei 8500 wütet das Aggregat so, dass jeder erlernte Reflex «schalten» sagt. Man ist überzeugt, das Material sei am Ende – und der Sechszylinder legt auf den letzten fünfhundert Umdrehungen vor dem Begrenzer noch einmal an Härte zu. Das ist die eine Sache, die dieses Auto so gut kann wie kaum ein anderes und die kein Turbomotor der Welt nachbaut.
Das PDK, erster Eindruck. Man zieht am rechten Aluminium-Paddle. Wer den taktilen Ablauf eines guten Handschalters gewohnt ist, muss sich hier neu einrichten. Der Zug am Paddle fühlt sich an wie das Betätigen eines Abzugs.
Zack. Der nächste Gang sitzt in weniger als hundert Millisekunden und derart hart, dass es einen Schlag in den Nacken gibt. Keine Zugkraftunterbrechung, keine Atempause. Beim Herunterschalten feuert die Elektronik exakt getimte Zwischengasstösse ab, die durch die Endrohre knallen. Ob man das will, ist eine andere Frage – wir kommen darauf zurück.
Bremsen, Einlenken, Vertrauen. Interessanter wird es aber dort, wo Längs- in Querdynamik übergeht. Am Ende einer langen, leicht fallenden Geraden, wenn die Bremszone auf eine Kehre zuläuft, wird der 991.1 zu einer anderen Spezies. Das Bremspedal ist hart und fast weglos, die Verzögerung so brutal, dass der Körper in den Gurten hängt und dabei bleibt die Fuhre vollkommen ruhig. Wo ältere Elfer beim harten Ankern am Heck nervös werden und den Fahrer daran erinnern, wo der Motor sitzt, liegt der 991.1 stoisch.
Dann der Einlenkpunkt. Man lenkt das Auto mit einer Geschwindigkeit ein, bei der der Selbsterhaltungstrieb normalerweise Einspruch erhebt. Es gibt kein Untersteuern. Die Vorderachse krallt sich fest, während die mitlenkende Hinterachse das Heck exakt in die Spur schiebt. Der Wagen dreht sich fast unwirklich sauber um die eigene Hochachse, als liefe er auf Schienen durch den Scheitelpunkt.

Die Lenkung: gefiltert
Man steigt ein und erst einmal ist alles vertraut: die tiefe GT-Sitzposition, das dünne Alcantara-Lenkrad ohne Knöpfe, dahinter der Drehzahlmesser, der bis 9000 geht und dabei so tut, als sei das das Normalste der Welt. Zündung an, der Sauger reisst sich hoch und fällt in einen Leerlauf, der schon im Stand ankündigt, dass hier keine Rücksicht auf irgendwas genommen wurde.
Dann fährt man los. Und merkt es nach ungefähr zweihundert Metern.
Die Lenkung ist gefühlsärmer als das, was wir vom 997.2 kennen. Nicht gefühlstot – das wäre polemisch und wäre auch nicht wahr. Sie ist präzise, sie ist direkt, sie ist schnell übersetzt, sie tut alles, was man ihr sagt, sofort und ohne Widerrede und sie meldet durchaus, was an der Vorderachse passiert. Nur eben in einer aufgeräumteren Version. Wo die hydraulische Lenkung eines 997.2 GT3 einem permanent alles gleichzeitig erzählt – Fahrbahnfeuchte, Bitumennaht, den Moment, in dem der linke Vorderreifen anfängt nachzugeben, da kommt beim 991.1 eine sortierte Auswahl an. Das Wesentliche ist da. Das Beiläufige fehlt.
Man kann das als Fortschritt lesen: weniger Ablenkung, mehr Konzentration auf die Linie. Auf der Rennstrecke in einem 24-Stunden-Rennen passt genau das. Auf einer feuchten Landstrasse im Frühling ist das Beiläufige aber genau das, wovon ein GT3 lebt.
Das ist die unbequeme Wahrheit über dieses Auto: Es ist schneller als der Vorgänger, es ist stabiler als der Vorgänger, es hat mehr Grip als der Vorgänger – und es redet weniger mit dir. Ja, da darf man sich schon fragen, ob man beim Übergang zur elektromechanischen Lenkung wirklich nur gewonnen hat.
Man gewöhnt sich daran, keine Frage. Nach einer halben Stunde hat man das Auto neu kalibriert, man lenkt nach Blickführung und Sitzgefühl statt nach Handgelenk und dann geht es hervorragend. Aber wer beide Systeme kennt, spürt den Unterschied bei jedem Einlenken und vergisst ihn nicht mehr.

Der Antrieb: muss es PDK sein?
Die zweite Frage, die dieses Auto stellt, ist unangenehmer, weil sie an unsere eigene Redaktionslinie geht. Wir sind die mit dem #SaveTheManuals-Hashtag. Wir sind die, die einen 997.2 Carrera 4S mit Handschaltung fahren, weil es sich richtiger anfühlt. Und jetzt sitzen wir in einem GT3, der uns diese Wahl nicht lässt.
Also ehrlich: Das PDK ist auf der Rennstrecke unangreifbar. Die Schaltzeiten sind absurd, die Gangwahl im Automatikmodus ist erstaunlich hellsichtig und wer im Sportmodus mit den Paddles arbeitet, bekommt beim Runterschalten Zwischengas serviert, das klanglich wirklich atemberaubend ist.
Aber die Frage war ja: Muss es PDK sein für die Wochenend-Landstrassenhatz? Und da lautet die Antwort: nein. Nicht, weil das PDK zu langsam wäre – sondern weil auf der Landstrasse Geschwindigkeit gar nicht die Erfüllung ist. Auf einer kurvigen Strecke, im zweiten Gang, in einem Rhythmus, den man selbst bestimmt, entsteht Fahrfreude aus dem Moment vor dem Scheitelpunkt, in dem du selbst entscheidest, in welchem Gang du da rauskommst und diese Entscheidung mit der linken Hand und dem linken Fuss auch selbst ausführst.
Und dann ist da noch etwas, wofür es nicht einmal einen Namen gibt. Wer einen Mezger-GT3 kurz vor dem Begrenzer hochschaltet, kennt diesen Augenblick: Der Motor fällt frei ab, die Kupplung schliesst bei knapp 6000 wieder, und im selben Moment läuft ein kurzes, zittriges Singen durch den ganzen Wagen, man hört es und spürt es gleichzeitig. Das ist die Folge des Drehzahlangleichs: Der Motor wird von der Getriebeseite schlagartig auf Anschlussdrehzahl gezwungen, und dieser Drehmomentstoss versetzt den Triebstrang in Torsionsschwingung. Spürbar ist die Schwingung selbst, hörbar wird sie im Getriebe, wo sie auf das Zahnflankenspiel trifft und den Zahneingriff kurz zur Schallquelle macht. Deshalb singt es metallisch und wummert nicht. Je höher die Drehzahl beim Schaltvorgang, desto deutlicher der Effekt.
Im PDK-GT3 gibt es davon nichts. Die Kupplungen schliessen elektrohydraulisch, überlappend, gedämpft. Was bleibt, ist der Schlag in den Nacken – beeindruckend, aber ohne dieses Zittern.
Wer den 991.1 GT3 als Trackday-Werkzeug kauft, wird die Handschaltung nie vermissen. Wer ihn kauft, um am Sonntagmorgen um sechs über den Klausen zu fahren, der wohl schon.



Die Grail: laut, legal und mit Papieren
Und dann ist da der Auspuff. Unser Testwagen fuhr eine Grail-Klappenabgasanlage, also jene Konstruktion aus dem Sauerland, deren Geschäftsmodell darin besteht, die Prüfbereiche der Lärmmessung präzise zu kennen: In den Messfenstern sind die Klappen zu und der Endschalldämpfer voll im Abgasstrom, ausserhalb sind sie offen und es passiert das, was man von einem 3,8-Liter-Sauger mit 9000 Umdrehungen erwartet. Loud but legal, so nennt der Hersteller das selbst und man muss dieser Ehrlichkeit einen gewissen Respekt zollen.
Für die Schweiz gibt es die Anlage mit einer separaten Eignungserklärung. Der Sauger klingt ab Werk schon metallisch und hart; mit der Grail wird daraus oberhalb von 5000 Touren ein Ton, bei dem sich die Nackenhaare aufstellen und nicht so schnell wieder ablegen.

Das Motorenkapitel, das man kennen muss
Jetzt zum Teil, der den Preis erklärt. Und ja, das wird technisch, aber wer über den 991.1 GT3 schreibt, ohne diese Geschichte sauber zu erzählen, hat den Job nicht gemacht.
Februar 2014, erster Akt. In der Schweiz und in Italien brennen zwei 911 GT3 aus. Porsche verhängt einen Verkaufsstopp, ruft alle 785 ausgelieferten Fahrzeuge zurück und empfiehlt den Kunden ausdrücklich, ihre Autos nicht mehr zu bewegen. Im März 2014 steht die Ursache fest: eine gelöste Pleuelverschraubung, die das Kurbelgehäuse beschädigt hat, wodurch Öl austrat und sich entzündete. Die Konsequenz ist beispiellos – Porsche tauscht bei sämtlichen 785 Fahrzeugen den kompletten Motor. Die Aggregate mit der Kennung E0 werden durch E1 ersetzt.
Zweiter Akt. Damit war es nicht vorbei. Ab Modelljahr 2015 verbaute Porsche eine überarbeitete F-Serie, doch die Schäden hörten nicht auf – sie verlagerten sich nur. Diesmal traf es den Ventiltrieb, konkret die Schlepphebel, also jene Bauteile, welche die Bewegung der Nocken auf die Ventile übertragen. Übermässiger Verschleiss an deren Beschichtung, angekündigt durch Rasseln im Zylinderkopf und Zündaussetzer, führte zu Motorschäden. Betroffen waren auch bereits getauschte Motoren.
Dritter Akt. Die G-Serie sollte es richten, und die Motoren ab der Nummer G6 gelten heute als die sichere Bank: beschichtete Nockenwellen und Schlepphebel, geänderte Ölgalerie, der Ölfilter des 991.1 GT3 RS, angepasste Motorsteuerung. Faustformel für die Baujahre: 2013/2014 = E0/E1, 2015 = F, 2016 = G – und alle nach 2016 eingebauten Austauschmotoren sind dem Vernehmen nach G6.
Was dahintersteckt Der 3,8-Liter arbeitet mit Schlepphebeln, die sich über hydraulische Elemente selbst spielfrei stellen. Das ist im Alltagsmotor eine elegante Sache: kein Ventilspiel einstellen, keine Wartung. Bei Dauerdrehzahlen jenseits von 8000 Umdrehungen aber verlieren diese Elemente Druck – sie «pumpen ab». Der Anpressdruck des Schlepphebels auf den Nocken schwankt dann, die harte Beschichtung der Kontaktfläche nimmt Schaden, sie blättert stellenweise ab, und danach arbeitet der Nocken direkt in den Hebel hinein. Die Motorsteuerung erkennt die veränderten Steuerzeiten und schickt das Auto in den Notlauf. Kurz gesagt: Ein Motor, der bis 9000 dreht, wurde mit einem Ventiltrieb gebaut, der das auf Dauer nicht mag.
Und hier kommt das eigentliche Eingeständnis. Beim 991.2 hat Porsche dieses Bauteil nicht verbessert, sondern abgeschafft. Der 4,0-Liter des Facelifts – im Kern das Cup-Triebwerk – bekam einen starren Ventiltrieb: DLC-beschichtete Schlepphebel ohne hydraulischen Ausgleich, dazu eine komplett überarbeitete Ölversorgung mit zentraler Einspeisung. Der Nebeneffekt, über den Andreas Preuninger damals sichtlich erfreut sprach: Ohne die ölgespeisten Ausgleichselemente braucht es im Zylinderkopf gar keinen hohen Öldruck mehr, und es lassen sich schärfere Nockenrampen fahren. Der Preis dafür ist Wartungsaufwand – Ventilspiel will bei so einer Konstruktion wieder kontrolliert werden.

Der Deal. 2017 verzichtete Porsche auf einen weiteren Rückruf und gewährte stattdessen eine Garantie von zehn Jahren beziehungsweise 200’000 Kilometern ab Erstzulassung auf alle 991.1-GT3-Motoren – übertragbar auf jeden Folgekäufer, aber, und das ist entscheidend, ohne Neubeginn nach einem Motortausch. Zustande kam sie nicht aus reiner Fürsorge, sondern nach hartnäckigen Verhandlungen einer Besitzergruppe aus dem amerikanischen Rennlist-Forum mit dem damaligen GT-Chef Frank-Steffen Walliser. Man stelle sich das mal bei einem beliebigen anderen Hersteller vor.
Und hier liegt der Punkt, der den Markt gerade bewegt: Diese Garantien laufen jetzt aus. Bei den ersten Autos 2023 und 2024, bei den letzten 991.1 GT3 in diesem Jahr. Der Rettungsanker, der zehn Jahre lang mitschwamm, wird gerade eingerollt.
Was danach kommt und wie lange. Ganz ohne Absicherung steht man deswegen nicht da. Die Porsche Approved Garantie lässt sich abschliessen oder verlängern, solange das Fahrzeug höchstens vierzehn Jahre alt ist und weniger als 200’000 Kilometer gelaufen hat; sie gilt dann jeweils zwölf Monate, womit sich ein Porsche insgesamt bis zu fünfzehn Lebensjahre lang absichern lässt. Sie ist auch dann noch erhältlich, wenn die vorherige Garantie bereits erloschen war – Voraussetzung ist der bestandene 111-Punkte-Check im Porsche Zentrum. Sie deckt sämtliche Komponenten ausser Verschleissteilen, ohne Selbstbeteiligung, und sie geht beim Privatverkauf auf den nächsten Besitzer über.
Rechnet man das auf die Baureihe hoch, ergibt sich ein Detail, über das bisher niemand spricht: Ein 991.1 GT3 aus dem ersten Baujahr 2013 lässt sich noch etwa bis 2028 absichern, ein Fahrzeug aus 2016 dagegen bis ungefähr 2031. Danach allerdings ist definitiv Schluss. Ein GT3 mit einem Motor, dessen Konstruktionsschwäche aktenkundig ist und ohne jede Herstellerabsicherung – das ist die Ausgangslage, in die dieses Modell ab Anfang der Dreissigerjahre hineinfährt. Wer heute kauft, sollte wissen, dass er dann noch immer der Besitzer sein könnte. Werthalt? Fraglich.
Praktische Konsequenz für jeden Kaufinteressenten, in einem Satz: Motornummer prüfen lassen, bevor irgendetwas anderes geprüft wird. Ein G6 macht aus dem Risikofall ein normales Gebrauchtauto. Ein E oder F macht ihn zur Rechenaufgabe lösbar, es gibt Spezialisten, die den Ventiltrieb präventiv überarbeiten und das ist immer noch billiger als ein Motortausch ausserhalb der Garantie.

Warum der Vorgänger heute teurer ist
Und damit sind wir bei der Frage, die sich jeder stellt, der die Inserate durchgeht: Wieso kostet ein 997.2 GT3 mehr als ein 991.1 GT3, obwohl der Nachfolger in praktisch jeder messbaren Disziplin überlegen ist?
Vier Gründe, in absteigender Reihenfolge:
Der Motor – der reale und der symbolische. Der 997.2 hat den Mezger, also jenes Aggregat mit Rennsport-Stammbaum, das den Ruf hat, unkaputtbar zu sein. Der 991.1 hat den ersten GT3-Motor nach der Mezger-Ära, und der hat mit Bränden und Rückrufen angefangen. Dass das Thema technisch längst gelöst ist, spielt am Markt eine untergeordnete Rolle. Käufer kaufen keine Ingenieurslösungen, Käufer kaufen Ruhe. Wer das für irrational hält, sollte sich anschauen, wie lange der 996 unter den M96-Geschichten gelitten hat – deutlich länger, als es die Technik rechtfertigte.
Die Schaltung. Der 997.2 GT3 ist der letzte GT3 mit drei Pedalen vor der Zwangspause. Sogar bei den GTS-Modellen der gleichen Baureihe liegen Handschalter im aktuellen Markt fünfstellig über den PDK-Autos. #SaveTheManuals hat die Wochenend- und Genussfahrer definitiv erreicht.
Die Stückzahl. 2256 gegen rund 6300. Der 991.1 GT3 war der kommerziell erfolgreichste GT3 seiner Zeit – und Erfolg ist am Sammlermarkt bekanntlich ein Nachteil. Wer heute einen GT3 auch als Wertanlage betrachtet (und seien wir ehrlich: in diesem Preisbereich tun das die meisten, sie sagen es nur nicht laut), kauft mit dem 991.1 das mit Abstand häufigste Auto der Reihe. Der Markt vergisst so etwas nie.
Die Garantiefrage. Solange die zehn Jahre liefen, war der 991.1 ein kalkulierbares Auto. Genau das läuft jetzt aus, und der Markt preist diese Unsicherheit ein, bevor er weiss, ob sie berechtigt ist.



OML-Fazit: grossartiges Auto, das wir trotzdem nicht empfehlen
Jetzt kommt der Teil, an dem wir uns unbeliebt machen. Denn dieser Nachmittag hat Spass gemacht, der Wagen ist schnell, schön und in seiner Kompromisslosigkeit über jeden Zweifel erhaben – und trotzdem würden wir vom Kauf eines 991.1 GT3 abraten. Aus drei Gründen, in dieser Reihenfolge.
Erstens der Motor. Nicht, weil er kaputtgeht – die meisten tun das nicht, und mit einem G6 ist das Thema technisch erledigt. Sondern weil du beim Kauf eine Detektivarbeit leisten musst, die bei keinem anderen GT3 nötig ist, und weil das Sicherheitsnetz, das dir zehn Jahre lang die Ruhe gab, in diesem Jahr endgültig eingerollt wird. Somit beginnt die Kaufberatung mit «zuerst die Motornummer prüfen» und das muss man wollen.
Zweitens die Stückzahl. Rund 6300 Exemplare, mehr als jeder GT3 zuvor. Wer in dieser Preisklasse kauft, kauft immer auch eine Wette auf die Zukunft – und diese hier ist die schlechteste im Feld. Der 997.2 mit seinen 2256 Stück hat sie bereits gewonnen.
Drittens die Lenkung. Sie ist nicht schlecht, sie ist gefühlsärmer. Und für ein Auto, dessen einziger Daseinszweck die direkte Verbindung zwischen Fahrer und Strasse ist, ist «gefühlsärmer» ein härteres Urteil als jeder Motorschaden. Man kann sich an vieles gewöhnen. Man muss aber nicht dafür bezahlen.
Was heisst das praktisch? Nicht: Finger weg vom GT3. Sondern: Kauf den davor oder den danach. Den 997.2, wenn du das analoge Erlebnis willst und bereit bist, den Mezger-Aufschlag zu zahlen oder den 991.2, wenn dir die Fahrleistungen und Peace-of-mind wichtiger sind: 4,0 Liter, starrer Ventiltrieb, wahlweise sechs Gänge von Hand, und die Lenkung wurde nachkalibriert.
Der 991.1 GT3 bleibt damit das, was er von Anfang an war: ein technisch faszinierendes Auto zur falschen Zeit, das die Rechnung für einen Generationenwechsel bezahlt hat, den es nicht zu verantworten hatte. Man kann ihn fahren und dabei sehr glücklich sein – wir waren es an diesem Abend. Nur besitzen würden wir ihn nicht. One More Lap? Unbedingt. Nur eben mit dem Schlüssel von jemand anderem.
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