Fangen wir dort an, wo es unbequem wird. Während Jaguar Land Rover das vergangene Jahr grösstenteils damit verbracht hat, nach einem der teuersten Cyberangriffe der britischen Geschichte mit rund 1,9 Milliarden Pfund Schaden die Produktion überhaupt wieder hochzufahren, während Jaguar den Verkauf komplett pausiert und der elektrische Range Rover einige Jahre hinter seinem ursprünglichen Veröffentlichungsziel ist, stellt eine chinesische Marke mit Sitz in Göteborg das Auto vor, das man eigentlich aus Solihull erwartet hätte. Bestellbar ab heute, 29. Juli. Erste Fahrzeuge ab Dezember 2026.
Der Mann hinter der Linie
Man muss den 9X nur ansehen. Gezeichnet wurde er in Göteborg, verantwortlich ist Stefan Sielaff. Sielaff war von 2015 bis 2021 Design-Direktor bei Bentley, davor Audi und Mercedes, heute Chef-Designer des ganzen Geely-Konzerns. Der Bentley Bentayga ist einer seiner Entwürfe. Der Mann, der Bentleys erstes SUV gezeichnet hat, baut jetzt das Luxus-SUV für China und endlich kommt es in die Schweiz.
Sielaff sagt selbst, das grösste Problem einer jungen Luxusmarke sei die Herkunft, die könne man nicht kaufen. Genau da wird die Testfahrt interessant. Fühlt sich der 9X so souverän an, wie er dasteht? Oder scheinen am Ende doch die fehlenden Jahrzehnte Erfahrung durch? Der elektrische 7X hat uns zumindest sehr begeistert, auch im Vergleich mit der europäischen Premiumkonkurrenz.

Die pragmatische Antwort unter dem Blech
Kein reiner Stromer, aber auch kein gewöhnlicher Hybrid. Der 9X arbeitet mit einem Range Extender, der Fachbegriff dazu lautet EREV, Extended-Range Electric Vehicle. Einfacher gesagt: ein Plug-in-Hybrid, der in erster Linie Elektroauto sein will. Man hängt ihn an die Steckdose und fährt elektrisch, immer. Der 2,0-Liter-Turbo-Vierzylinder an Bord treibt nie die Räder an, er arbeitet ausschliesslich als Generator und lädt die Batterie nach, sobald sie leer wird. Der Benziner ist also kein Antrieb, sondern eine Absicherung für den Moment, in dem keine Ladesäule in Reichweite ist. Zeekr vermarktet das Ganze als «Super Hybrid». Das ist Marketing, trifft aber den Kern: mehr Stromer als Hybrid, mit einem Verbrenner als Backup. Eigentlich die perfekte Antwort gegen die schweizerische Stammtisch-Reichweitenangst.
Zwei Motoren, Allrad, 897 PS Systemleistung, 935 Nm, 0 auf 100 in 4,1 Sekunden, abgeregelt bei 240 km/h. Natürlich nur bei entsprechendem Batteriefüllstand. Gefahren sind wir noch nicht, ob sich 2,9 Tonnen so leichtfüssig anfühlen, wie es 4,1 Sekunden versprechen, dürfte eher an der Fahrwerksabstimmung hängen als an der reinen Beschleunigung.

Und da fängt der Appetit erst an. Was bei uns startet, ist diese Zweimotor-Variante mit 897 PS. In China gibt es den 9X zusätzlich als Dreimotor-Hyper: rund 1400 PS, 1410 Nm, 0 auf 100 in 3,1 Sekunden, laut Zeekr die schnellste Hybrid-SUV der Welt, dazu die grössere 70-kWh-Batterie. Ob die je in die Schweiz kommt, ist offen. Wir sagen es trotzdem deutlich: Die wollen wir. Nicht, weil 897 PS in 2,9 Tonnen zu wenig wären, sondern weil 3,1 Sekunden in einem sechssitzigen Luxusliner genau die Art Unvernunft sind, für die es diese Seite gibt.
Spannender als die reine Leistung ist ohnehin die Architektur: 900 Volt, bis 330 kW DC, 10 auf 80 Prozent in rund 9,5 Minuten. Die Batterie ist mit 55,1 kWh brutto bewusst klein, den Rest soll der Generator erledigen. Rein elektrisch nennt Zeekr für den startenden Ultra AWD 179 Kilometer, kombiniert 737; je nach Variante sollen bis 223 respektive 767 möglich sein.
Das ist exakt die Lösung, die man in Europa jahrelang für den Irrweg erklärt hat: kleiner Akku, Verbrenner als Stromerzeuger, keine Reichweitenangst. Brüssel hat den reinen Batteriepfad vorgeschrieben, China denkt weiter. Der Haken bleibt: Ist der Akku leer, hängt ein Zweiliter an fast drei Tonnen. Die kombinierten 8,9 l/100 km klingen brav, mit leerer Batterie und Autobahntempo dürften sie sich deutlich weniger brav fahren, als sie sich lesen. Auch das ein Punkt für die Testfahrt.

Ein Kino auf Rädern — angeblich
Auf Knopfdruck soll der Innenraum zur Lounge werden: Sitze in Liegeposition, Rollos zu, aktive Geräuschunterdrückung an, und aus dem Velours-Dachhimmel fährt ein 17-Zoll-OLED bis zu 88 Zentimeter nach vorne. Dazu ein Naim-System mit 32 Lautsprechern, 40 Verstärkerkanälen und Körperschallwandlern in den Sitzen. Naim, die britische High-End-Marke, die man aus dem Bentley kennt. Auch das kein Zufall.
Der zentrale Drehregler ist aus geschliffenem K9-Kristallglas, das Nappaleder soll sich anlegen wie in einer Privatjet-Kabine, das Holz laut Werk bis zu 20 Stunden von Hand poliert. Vorne zwei 16-Zoll-OLED, ein 47-Zoll-AR-Head-up-Display, dazu physische Tasten. Auf dem Papier hat Zeekr verstanden, dass Luxus nicht an der Bildschirmdiagonale hängt. Ein Fahrbericht wird uns mehr Details zu Anmutung und Bedienung verraten.



Wann kommt er und wie ist der Preis für die Schweiz?
Bestellen kann man ab heute, 29. Juli — den Ultra AWD als Sechssitzer in Crystal White, Lava Grey oder Onyx Black, für Onyx Black auf Wunsch das Black Pack in Hochglanzschwarz. Bei der Auslieferung wird es konkreter: In der Schweiz soll der 9X Ende 2026 eintreffen, die ersten Fahrzeuge ab Dezember. Wer heute unterschreibt, fährt also frühestens zum Jahreswechsel.
Beim Preis bleibt Zeekr vorerst schmallippig. Offizielle Schweizer Zahlen stehen aus, angekündigt für einen späteren Zeitpunkt auf zeekr.ch. Ein Vorteil für die Schweiz ist allerdings nicht zu unterschätzen: Die EU-Ausgleichszölle auf chinesische Elektroautos gelten bei uns nicht und als Hybrid würde der 9X sie ohnehin umgehen.Rein rechnerisch könnte der Schweizer Preis damit freundlicher ausfallen als der Preis in unseren EU-Nachbarländern.
Sielaff sagt, Herkunft könne man nicht kaufen. Vertrauen aber halt schon: Zeekr gibt auf den 9X fünf Jahre respektive 100’000 Kilometer Werksgarantie und verlängert auf bis zu zehn Jahre oder 200’000 Kilometer, sofern man den vorgeschriebenen Wartungs- und Serviceplan einhält.
Der eigentliche Punkt ist ohnehin nicht der Preis, sondern das Gesamtpaket. Wir bleiben dran. Und würden ihn gerne fahren, bevor wir urteilen. Am liebsten in der 1400-PS-Version und schreiben dann gleich noch den etwas kompakteren 8X auf die Wunschliste.
