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Vision BMW ALPINA: Buchloe trifft München

Es gibt Tage, an denen man als B5-Besitzer die Pressemappen öffnet und merkt, dass sich gerade automobile Geschichte sortiert. Gestern war so ein Tag. Am Concorso d’Eleganza Villa d’Este, an den Ufern des Comer Sees, hat BMW den Vision BMW ALPINA enthüllt. Ein 5.2 m langes, flaches Coupé mit V8 und „Shark Nose”. Der erste echte Schritt der „Marke 2.0″ – jener Marke, die seit dem 1. Januar 2026 offiziell BMW ALPINA heisst und nicht mehr einfach nur Alpina.

Und während ich noch durch die Bilder scrolle, fällt mir auf: Das hier ist richtig wild. Volles Risiko, kaum Rücksicht auf die Historie und vorgespannt vor den BMW-Karren mit Ziel der globalen Luxus-Konkurrenz, die sie bisher nie so wirklich erreicht haben.

Drei Marken, drei Richtungen, ein Erbe

Erlaubt mir eine kurze Erklärung, weil das wichtig ist: Es gibt jetzt drei Spieler, die alle aus demselben Nährboden entsprungen sind.

Spieler eins: BMW ALPINA. Die Marke, die Markenrechte und die Designsprache wandern nach München. Eigene Sub-Brand unter dem BMW Group Dach, positioniert zwischen 8er-Reihe und Rolls-Royce. Die Münchner Antwort auf Mercedes-Maybach, sozusagen. Erstes Serienmodell kommt 2027, basiert auf dem facegelifteten 7er (G70 LCI), interner Codename G72 – mutmasslich als B7 mit V8-MHEV. Der Vision BMW ALPINA ist der designerische Vorgeschmack auf einen B8, mit Basis neues 8er Coupé.

Spieler zwei: Bovensiepen. Die Familie selbst. Burkard Bovensiepens Erben haben den Namen ihrer Familie behalten und 2025 ein eigenes Unternehmen gegründet – kein Tuner, kein Ableger, sondern ein eigenständiger Hersteller mit eigenem Badge. Im Mai 2025 haben sie den Bovensiepen Zagato vorgestellt: ein handgefertigter Gran Turismo auf BMW M-Basis, designed in Mailand bei Zagato, mit 611 PS aus dem 3,0-Liter-Reihensechser, Akrapovič-Titanabgas, über 130 Stunden Handarbeit allein im Innenraum. Wer’s bestellen will, kann das tun. Das Telefon nach Buchloe geht noch.

Spieler drei: Mein B5 Touring. Wird in Buchloe bei der Firma “Alpina Classic” bedient – für Ersatzteile und so weiter.

Was zwischen diesen drei Spielern passiert, ist im Grunde dasselbe, was 1963 in Sant’Agata Bolognese passiert ist – nur dass es damals keine PR-Abteilungen gab, die es so nennen würden.

Der Lamborghini-Traktor-Moment?

Kurzer Ausflug in die italienische Provinz: Ferruccio Lamborghini hat in den 1950ern und 60ern Traktoren gebaut. Erfolgreich, eigene Fabrik, eigene Kundschaft. Eines Tages – die Geschichte ist verbürgt – fuhr er zu Enzo Ferrari, beklagte sich über die Kupplung seines Ferrari 250 GT und Ferrari soll geantwortet haben, er solle bei seinen Traktoren bleiben. Lamborghini ging zurück nach Sant’Agata und baute den 350 GT. Der Rest ist bekannt: Miura, Countach, Revuelto etc.

Heute zahlt man für einen guten 350 GT siebenstellig. Und niemand würde behaupten, dass die alten Lamborghini-Trattori durch den Revuelto „weniger Lamborghini” geworden sind. Im Gegenteil: Sie sind durch den Aufstieg der Marke aufgewertet worden. Aus einer abgeschlossenen Ära, die nicht zurückkommt.

Genau das passiert hier gerade. Nur in zwei Richtungen gleichzeitig.

Die Marke ALPINA, wie wir sie kannten – die unauffällige Familienmanufaktur aus Buchloe, die BMWs mit grünen Streifen, 20-Speichen-Rädern und absurd schnellen Kombis veredelte – ist abgeschlossen. Ende 2025 ist der Betrieb fast vollständig an BMW übergegangen. Was jetzt mit „BMW ALPINA” auf dem Concorso d’Eleganza steht, ist eine andere Marke im gleichen Namen. Eine, die in Bentley-Continental-Liga spielen wird, nicht in der RS6-Liga. Und die Familie Bovensiepen, die diese Marke ursprünglich gross gemacht hat, baut nebenan ihren eigenen Gran Turismo mit Zagato-Karosserie.

Mein B5 Touring – G31 LCI, V8 Biturbo, 621 PS, 322 km/h ab Werk, in Alpinablau – sitzt genau in der Mitte dieser Umsortierung. Mein persönlicher Lamborghini Traktor Moment.

Was BMW da designerisch abgeliefert hat

Bevor wir zur Markenanalyse weiter gehen, ein ehrliches Wort zum Auto selbst. Denn so skeptisch man als Buchloe-Romantiker sein kann: der Vision BMW ALPINA ist gestalterisch eines der überzeugendsten Konzeptautos, die BMW seit Jahren gezeigt hat. Maximilian Missoni, der ehemalige Polestar-Designchef, hat hier sein erstes sichtbares BMW-Projekt abgeliefert. Und das Prinzip, nach dem er den Wagen gestaltet hat, nennt er treffend „Second Read”:

  • Die berühmten Deko-Linien seit 1974 – beim Vision direkt unter den Klarlack auf die Karosserieflanke aufgebracht. Reduziert. Subtil. Man sieht sie erst beim zweiten Hinschauen.
  • Die 20-Speichen-Räder in Alpina-Tradition seit 1971. 22 Zoll vorn, 23 hinten.
  • Die vier elliptischen Endrohre. Geblieben.
  • Eine zurückgenommene „Shark Nose” statt der schreienden Riesennieren der aktuellen 7er-Reihe. Hier macht die Niere sogar wieder Sinn – als skulpturales 3D-Element, dunkler Metallic-Ton an den Innenflächen. Eine Hommage an den 507, der Chrom nur an den Nierenrückseiten trug.
  • Im Innenraum: vollnarbiges Leder aus alpinen Gerbereien, eine Brückennaht in den klassischen Heritage-Farben Blau und Grün (inspiriert von den historischen Lenkrad-Handnähten), fasenierte Metallteile in Uhrmacher-Technik, präzisionsgeschliffene Kristalle für die fahrrelevanten Bedienelemente.

Und mein persönliches Highlight aus der Pressemappe, weil es Bovensiepen-würdig absurd ist: hinter der Mittelkonsole steigt eine Glasflasche mit selbstöffnendem Mechanismus elegant empor, flankiert von zwei Kristallgläsern mit eingravierten 20 Deko-Linien und einem um sechs Grad geneigten Randprofil, magnetisch gehalten. Sechs Grad ist übrigens auch der Winkel der „speed feature line”, die die Karosserieflanke prägt. Das ist die Art von Detailverliebtheit, bei der man weiss: hier hat jemand mitgedacht. Vielleicht sogar mit einem Glas Süddeutscher Bier zur Hand.

Wen wollen die da targetieren?

Hier wird’s für jeden, der einen klassischen Alpina fährt, eindeutig: BMW ALPINA zielt nicht mehr auf den Käufer eines E63 S Kombi oder RS6 Performance.

Das Zielbild – und das schreiben sie zwischen den Zeilen ziemlich klar – ist der Bentley Continental GT. Vielleicht noch ein Aston Martin DB12 Volante. Definitiv kein Maybach S680 (zu chauffeursgetrieben), aber auch kein 8er M850i (zu BMW, zu „M-light”). Es geht um den Bereich, in dem ein Continental GT bei rund 280’000 CHF startet und ein Käufer eher den Schreiner für die individuelle Holzeinlage als den Trackday auf der Strasse plant.

ALPINA-Chef Oliver Viellechner sagt es im TopGear-Interview unverblümt: „BMW ALPINA schliesst in unserem Portfolio die Lücke zwischen BMW und Rolls-Royce.” Und: „Wir werden ALPINA sehr anders steuern als BMW. Wir schauen viel mehr in Richtung Rolls-Royce.” Auf die Frage, ob es jemals wieder einen B3 oder B5 geben wird, antwortet er: „Definitiv nicht am Start. Und auch nicht als unmittelbarer zweiter Schritt – das wäre zu grosser Sprung.” Langfristig schliesst er es nicht aus. Aber wer realistisch ist, weiss: das ist ein höfliches „eher nicht”.

Was darunter steckt – die Plattform-Frage

Der Vision BMW ALPINA ist nicht der erste Serien-Alpina der neuen Ära. Erst wird wohl der neue 7er als Alpina kommt. Danach wird diese Studio dann Realität. Das hier könnte der Vorbote eines neuen 8ers sein – nur eben gleich als ALPINA, ohne M850i-Zwischenstation. Ein 2+2 Gran Tourer, V8, zwei Türen, vier Sitze, Comfort+. Genau die Lücke, die der eingestellte G15 hinterlassen hat. Mit Alpina-Badge füllt sich diese Lücke ohne Markenkonflikt zur M-Sparte.

Innen ist die Studie übrigens erstaunlich seriennah: Panoramic iDrive über die gesamte Instrumententafel, neuer Passenger Screen, BMW-typisch eigenwilliges Lenkrad mit zwei Speichen. Wer im aktuellen 7er LCI gesessen ist, findet sich hier sofort zurecht. Was wiederum für eine Serienumsetzung spricht.

Zum Antrieb gibt’s wenig Konkretes: V8, „sonor und tief im unteren Drehzahlbereich, kraftvoll und emotional bei hohen Drehzahlen.” Das klingt nach N63-Evolution, nicht nach S68. Genau richtig also: nicht der M-Block, sondern der „normale” BMW-V8, von Alpina-Spezifikation aufgeladen, mit dem klassischen breiten Drehmomentplateau ab unten heraus. Bei meinem B5 LCI sind das 800 Nm ab 2.000 U/min auf einem Plateau, das einfach nicht enden will.

Viellechner bestätigt: V8 bleibt Kernpfeiler. Kein Hybrid-Zwang am Start. Elektrische Alpinas „werden kommen, aber nicht relevant am Anfang.” Für einen Markenrelaunch 2026 ist das so ziemlich eine mutige, aber wohl richtige Ansage, in diesem Segment.

Fazit aus der Garage

Der Vision BMW ALPINA ist designerisch eine echte Überraschung. Und ich meine das genau so, wie es dasteht – als jemand, der nach „BMW übernimmt Alpina” mit einer Studie gerechnet hatte, die optisch zwischen einem aufgeblasenen 8er Gran Coupé und einem chinesischen Hongqi-Klon mit etwas Maybach-Würze liegt. Aber nein, BMW hat sich ins Zeug gelegt und viele Markenzeichen neu interpretiert. Die Deko-Linien direkt unter dem Klarlack, statt als aufgeklebter Streifen. Die 20-Speichen-Räder, treu seit 1971. Die vier elliptischen Endrohre. Die polierte ALPINA-Wortmarke in der Frontschürze. Alles Markenzeichen, die in der Übersetzung nicht verloren gegangen sind, sondern reduziert und neu eingebaut wurden. Das ist die schwierigste aller Disziplinen – Heritage modernisieren, ohne ins Cosplay-Hafte abzurutschen – und sie haben sie bestanden.

Was mir fehlt, ganz klar: Die typischen Alpina-Farben. Wo ist das Alpinablau? Wo ist das Alpinagrün? Der Vision steht dort in einem dezenten, kühlen Eisblau-Metallic-Ton, der zwar zur Designstudie passt und die Skulptur gut ausleuchtet – aber er ist eben kein Alpina-Blau. Er ist BMW Individual mit Buchloer Etikett. Im Innenraum dasselbe: ein dunkles Anthrazit oben, ein helles Hellgrau unten, dazwischen ein Hauch Blau und Grün in den Brückennähten. Das ist subtil, schön gemacht – aber zu subtil. Die Brückennaht in Heritage-Blau und -Grün ist so dezent, dass man sie aus zwei Metern Entfernung nicht mehr sieht. Wer einen Alpina kauft (oder, in meinem Fall, gekauft hat), will diese Farben lesen können.

Gleichzeitig baut die Familie Bovensiepen in Buchloe weiter, nur unter eigenem Namen und mit einem Zagato-Kleid. Auch das ist eine Form von Kontinuität, vielleicht sogar die ehrlichere.

Und mein B5 Touring? Bleibt in meinem Bestand und darf nächste Woche auf grosse Reise nach Italien. Mit dem Bewusstsein, dass er ab sofort nicht mehr „einfach ein 5er Kombi mit V8″ ist, sondern der letzte seiner Art. Insofern: Liebesgrüsse aus Buchloe, mit Münchner Briefkopf. Willkommen, BMW ALPINA.

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