Fahrbericht: Kia Stinger GT

Die Erwartungshaltung. Generell ein schwieriges Thema. Erwartet man zu viel wird man oft enttäuscht. Erwartet man zu wenig, kann das als gleichgültig aufgefasst werden. Findet man den Mittelweg, lässt das Raum für positive Überraschungen und diese Überraschungen finde ich grossartig. Wird das auch bim Kia Stinger GT zutreffen?

Fahrbericht: Kia Stinger GT

Erste Überraschung: Der Schlüssel. Hochwertig, mit besonderer Form und dank Einfassung in Leder auch schön anzufassen. Sind wir eingestiegen, freut uns erstmal die sportlich-tiefe Sitzposition und die vielfach einstellbaren Sitze. Der Motor startet per Knopfdruck und zwar über einen Aluminium-Knopf am Armaturenbrett. Widmen wir uns dem Interieur und der Materialanmutung später.

Fahrbericht: Kia Stinger GT

Der Sechszylinder wummert schwach im Hintergrund als die Sportlimousine auf die Strasse rollt. Über den Fahrmodus-Schalter können wir zwischen fünf Einstellungen (Eco / Sport / Sport+ / Komfort / Smart) auswählen. Wir wären nicht OneMoreLap, würden wir nicht direkt Sport+ anwählen.

Fahrbericht: Kia Stinger GT

So schiebt der 3,3-Liter-V6 Twin-Turbo mit 370 PS und einem maximalen Drehmoment von 510 Nm dynamisch an. Den Sprint von null auf 100 Stundenkilometer ginge in 5,1 Sekunden – so schnell wie bisher noch kein anderer Kia. Bremsenkomponente hat der Kia von Brembo, die ihren Job ohne Beanstandungen vollziehen.

Fahrbericht: Kia Stinger GT

Viel wichtiger dabei: Obwohl der Kia eine ausgewachsene Limousine ist und auch fast zwei Tonnen mit sich schleppt, hat er einen heckbetonten Allrad mit wunderschöner und sanfter Auslegung. Ab dem Scheitelpunkt spürt man, wie die Kraft nach hinten gesendet wird und man sportlich, auf Wunsch sogar mit leichtem Powerslide, aus der Kurve herausgeschoben wird.

Fahrbericht: Kia Stinger GT

Sehr erfrischend in Zeiten von Pseudo-Allradsystemen, die erst bei Schlupf Kraft an die Hinterachse senden und sonst absolut emotionstot nur mit den Vorderrädern arbeiten. Der Stinger kann das viel besser.

Ist der Schalter der Fahrmodi zurück auf Komfort, fährt es sich sehr entspannt. Der Sechszylinder strahlt eine Souveränität aus, für die man gerne den etwas höheren Verbrauch in Kauf nimmt. Gerade auf Langstreckenfahrten, für die jeder Gran Turismo konzipiert ist, spielt auch die Qualität des Audiosystems eine wichtige Rolle und die Harman/Kardon Anlage mit 15 Lautsprechern und Subwoofer erledigt ihren Job wunderbar und herrlich druckvoll.

Fahrbericht: Kia Stinger GT

Ist er also eine dieser unerwarteten Überraschungen, wie damals der i30 N? Nein, nicht ganz. Es fehlt das letzte Quäntchen um Vollgaspiloten zufrieden zu stellen. Die Lenkung ist um die Mittellage gefühlslos, obwohl sie abseits der ersten 10% dann schön direkt wird. Der Auspuffsound ist auch in den Sportmodi sehr zurückhaltend und beim Getriebe fehlt ein manueller Modus.

Apropos Getriebe. Hier werkelt serienmässig ein Achtstufen-Automatikgetriebe. Eine Handschaltung ist nicht verfügbar. Obwohl ich als alter Handschaltungs-Mohikaner oft die drei Pedalen und den Schaltknüppel bevorzuge, würde das überhaupt nicht zum Gran Turismo Charakter dieses Autos passen.

Interessanterweise gibt es für Regionen wie die USA und England den Stinger GT mit reinem Heckantrieb und Sperrdifferenzial, während wir «nur» die Allrad-Version kriegen. Ausserhalb der Schweiz gibt es zusätzlich noch einen 2,2-Liter-Turbodiesel mit 200 PS und einen 2,0-Liter-Turbo-Vierzylinder mit 255 PS.

Wo ordnet sich der Stinger GT also ein? Nun, rein grössentechnisch ist er mit 4,83 Meter Länge und 1,87 Meter Breite grösser als ein Audi S5 Sportback oder ein BMW 4er Gran Coupé. So ordnet er sich eher bei VW Arteon, Ford Mondeo, VW Passat, Skoda Superb, Mazda 6 und Opel Insignia ein.

Nur leider ist diese Klasse aber bekannt dafür, dass selbst ein Staubsauger mehr Emotionen weckt, als diese Fahrzeuge. Sechszylinder-Aggregate und Sportmodelle (Insignia OPC, Mondeo ST etc.) wurden schon längst gestrichen.

Fahrbericht: Kia Stinger GT

So bleibt der Stinger GT also ein Exot und erlaubt sich selbst, auch optisch mächtig auf den Putz zu hauen. Besonders in Hi Chroma Red strahlt der Stinger ein sportliches Selbstvertrauen aus. Die aggressive Front gefällt mir besonders gut, während ich das Heck und besonders die Heckleuchten etwas zu wenig eigenständig finde. Die Abgasanlage mit vier Endrohren erinnert an die S-Modelle von Audi.

Im Innenraum fallen einige Dinge auf. Das Design der Fläche in der Türe mit Lautsprecher und Sitzmemory-Tasten erinnert sehr an Mercedes-Benz. Der Türgriff fühlt sich allerdings genauso wertig an, wie er aussieht und auch die Türe selbst wirkt massiv und keinesfalls leicht oder nicht wertig genug.

Fahrbericht: Kia Stinger GT

Die Schaltwippen gleichen enorm den Wippen von Audi und fühlen sich leider auch genauso an. Das perforierte Leder am Lenkrad fühlt sich auch nicht ganz so gut an, wie bei der viel teureren deutschen Premium-Konkurrenz.

Das ist allerdings Jammern auf sehr hohem Niveau. Sämtliche weiteren Knöpfe, Drehregler, Düsen und Tasten sind auf dem Niveau der erwähnten Premium-Hersteller aus Deutschland.

Egal ob der Velours-Dachhimmel, die vielen Aluminium-Applikationen oder die Sitze. Alles ist fantastisch verarbeitet. Es wackelt nix, es klappert nix, die Haptik der Tasten & Drehregler ist stets definiert und die Rückmeldung akkurat und auf Premiumlevel.

Obwohl Tacho und Drehzahlmesser noch analog sind, finden wir dazwischen ein grosses Display, was uns alles anzeigt, was wir sehen wollen könnten. Von Kompass über Bordcomputer, Rundenzeiten bis zu den aktivierten Fahrassistenten. Daneben ist ein 8-Zoll-Multimediasystem, was zwar vernünftig funktioniert, aber vielleicht möchte man sich ja da mal vom iDrive Bedienungskonzept bei BMW inspirieren lassen…

Ebenfalls serienmässig dabei ist ein höhenverstellbares Head-Up-Farbdisplay, das zentrale Fahrinformationen auf die Frontscheibe projiziert. Von der aktuellen Geschwindigkeit über Navigationshinweise und Warnmeldungen des Spurwechselassistenten bis zu den Einstellungen der Geschwindigkeitsregelanlage und des Radios.

Auch eine induktive Ladestation für Smartphones und eine Bluetooth-Freisprecheinrichtung kommen serienmässig.

Aber bei der Sicherheitsausstattung finden wir bestimmt ein Killerargument, warum wir euch den Stinger GT abraten können? Nein.

Serienmässig gibt es beispielsweise die Gegenlenkunterstützung VSM (Vehicle Stability Management), die für eine optimale Abstimmung von Stabilitätsprogramm und Servolenkung sorgt und damit die Stabilität beim Bremsen in Kurven erhöht.

Zu den weiteren Assistenten gehören das Kollisionswarnsystem FCA (Forward Collision Assistance) inklusive autonomem Notbremsassistenten mit Fussgängererkennung, adaptive Geschwindigkeitsregelanlage, Spurhalteassistent mit korrigierendem Lenkeingriff, Spurwechselassistent, Müdigkeitserkennung, Querverkehrswarner und eine 360-Grad-Kamera.

Dazu gibt es eine Werksgarantie von 7 Jahren, limitiert bis max. 150’000 Kilometer, davon die ersten 3 Jahre ohne Kilometerbegrenzung. Leider ist der Wartungsintervall mit 10’000 Kilometer / 12 Monate aber auch eher kurz und bei Vielfahrern wird das dann schnell teuer, da kein Gratisservice-Paket im Kaufpreis enthalten ist.

Was bleibt also?

Der Kia Stinger GT ist eine wohltuende Erfrischung. Freches Design, starker Motor, freudiges Fahrverhalten und das mit einer absoluten Vollausstattung, die sehr gut verarbeitet ist und mit guter Materialwahl erstaunt. Trotz kleinerer Negativpunkte (oben-erwähnt) sprechen wir eine gute Kaufempfehlung aus.

Unser Verbrauch lag im sportlichen Schnitt bei 11,3 Liter pro 100 km. Der Basispreis des Kia Stinger GT startet bei CHF 60’300.-. Unser von KIA Motors Schweiz zur Verfügung gestellte Testwagen lag bei CHF 61’550.-

Der OneMoreLap-Konfigurationstipp zur Optik:
Hi-Chrome Red

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