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Ford Ranger Raptor

Autos werden immer fokussierter, schneller und auch emotionsloser. Doch es gibt Ausnahmen. Eine davon ist der Ford Ranger Raptor. Er ist weder besonders schnell, besonders laut, noch glänzt er mit Sportwagen-ähnlichem Fahrverhalten.

Allerdings kann er etwas sehr gut: Er ist ein amüsanter Pfundskerl. Ich bin immer, wirklich immer, mit einem Schmunzeln ausgestiegen. Das ist heute selten geworden. Warum? Das erkläre ich dir nun im Fahrbericht.

Unsere Neufahrzeuge sind auf Perfektion getrimmt, sie sollen wenig Kraftstoff verbrauchen, mit viel Leistung punkten, dynamisch und präzise fahren und dazu noch möglichst „emotional“ sein. Soweit die Theorie, meistens kommen die „Emotionen“ jedoch aus den Lautsprechern und auch der Rest passt zwar gut zusammen, ergibt aber trotzdem ein austauschbares, fast schon langweiliges Erlebnis.

Ich habe mich also auf den Ranger Raptor gefreut. Ein Fahrzeug, das sich und seinen Zweck nicht allzu ernst nimmt. Und überhaupt, in Ländern wie der Schweiz gelten Pickups sowieso als eher unnötig. Doch wir haben beim Fiesta ST gelernt, dass die Damen und Herren von Ford Performance hinter einem durchschnittlichen Datenblatt oft grosse Überraschungen verstecken.

Der Einstieg will gekonnt sein. Ein Trittbrett hilft, die Fahrerkanzel zu erklimmen. Man sitzt höher als in einer G-Klasse und sowieso höher als in den üblichen, grösseren SUV. Irgendwo zwischen Transit und LKW. Gestartet wird per Knopfdruck und der Vierzylinder-Diesel meldet sich zu Wort.

Er macht kein Geheimnis aus seiner Herkunft als Selbstzünder und nagelt rustikal vor sich hin. Bei kleinen Gasstössen hört man die Turbos säuseln. Ich nenne es Charakter, viele meiner Mitfahrer konnten meine Begeisterung über einem „ordinären Diesel“ nicht teilen.

Kurzer Blick ins Datenblatt: Der 2,0 Liter Bi-Turbo-Dieselmotor leistet 213 PS und 500 Nm. Gekoppelt mit einer 10-Gang-Automatik schafft er den Sprint von 0-100 km/h in 10,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 170 km/h.

Hört sich langweilig an? Passt nicht zum „richtigen“ Raptor, dem F-150? Ja, allerdings ist es der Politik der EU geschuldet, dass solche grösseren Benzinmotoren nicht mehr in Modellen wie dem Ranger Raptor landen. CO2-Regelung für Neufahrzeuge sei Dank. Arbeiten wir also mit dem, was wir bekommen.

Die 10-Gang-Automatik, die wir aus dem Mustang kennen, arbeitet hier deutlich besser. Weniger verwirrt als im Ponycar, hat sie immer den richtigen Gang parat, und das lässt zumindest ein souveränes Vorwärtskommen zu. Richtig sportlich kann die Kombination aus 2-Liter-Triebwerk und knapp 2.5 Tonnen nicht werden. Fährt man auf „Attacke“ wird es eher gequält.

Dennoch interessant: Im manuellen Getriebe-Modus hält der Ranger Raptor die Gänge bis in den Begrenzer oder bis der Fahrer über die Schaltwippen den nächsten Gang einwirft. Kein automatisches Hochschalten. Ein kleines, feines und ehrliches Zeichen.

Weiter schickt der Ranger Raptor auf Asphalt generell seine Kraft auf die Hinterachse, die mit ihren All-Terrain BF Goodrich Reifen in Sachen Asphaltgrip nicht allzu sehr punkten kann. Gefährlich wird es nicht, dafür fehlt die nötige Leistung, aber ein heckgetriebenes aus Kurven Beschleunigen in einem so grossen Ungetüm, ist schon eine kleine Gaudi für sich. Der hohe Schwerpunkt und die Fox Racing Dämpfer sorgen für eine witzige Kombination zwischen Fahrdynamik und Unvernunft. Das alles bei Geschwindigkeiten schon weit unter dem Tempolimit. Amüsant? Sehr sogar.

Auf der Suche nach Antworten, warum der Ranger Raptor für sein Erscheinungsbild aussergewöhnlich dynamisch fährt, sind wir auf den Hinweis gestossen, dass Ford Performance die hinteren Blattfedern entsorgt hat und sie stattdessen durch eine herkömmliche Feder-Dämpfer-Einheit ersetzt. Aha. Das erklärt das eher PKW-ähnliche, aber doch hochbeinige Fahrverhalten.

Nun, der Ranger Raptor gehört eigentlich ins Gelände. Er bringt sechs wählbare Modi für jedes Terrain mit. Über einen normalen Modus hinaus gibt es einen Sport-Modus für temperamentvolles Fahren auf der Strasse, einen Gras-/Gravel-/Snow-Modus für sicheres Fahren auf rutschigen Böden, einen Schlamm-/Sand-Modus für optimale Traktion und Dynamik in tiefen, verformbaren Oberflächen wie losem Sand oder Schlamm.

Weiter einen Rock-Modus, der speziell für felsiges Terrain und geringe Geschwindigkeit ausgelegt ist und zuletzt einen Baja-Modus für High-Speed-Offroad-Performance, wie sie etwa bei der berühmten Baja Wüsten-Rally in Mexiko benötigt wird.

Mangels Sand und Felsen haben wir auf einem langen unbefestigten Weg den Baja-Modus ausprobiert, der die Lenkung leicht strafft und weitere Parameter nachschärft. Nach nur wenigen Metern war klar, dass dieses Auto exakt dafür optimiert wurde. Präzise, ruhig und souverän ist der unvernünftige Vernunfts-Raptor über den Feldweg geflogen. Nur an der grossen Staubwolke im Rückspiegel konnte man erahnen, welche Tempi gerade auf dem Tacho standen.

Kleine Pause: Aussencheck. In der Aussenfarbe „Absolute Black“ kommt der Raptor breit und brachial daher. Meine Wahl wäre allerdings das Ford-Performance typische „Performance Blue“. Ein neuer Kühlergrill mit übergrossem Ford-Schriftzug erinnert an den grossen Bruder, den F-150 Raptor. Ausgestellte Radläufe, seitliche Trittbretter und massive Unterfahrschutzplatten zeigen, dass hier definitiv kein Marketing-Gag steht.

Noch nicht überzeugt? Der Unterfahrschutz besteht nicht etwa aus Kunststoff, sondern aus 2,3 mm starken Stahlplatten. Weiter hat Ford das Leiterrahmen-Fahrgestell mit hochfestem niedrig-legiertem Stahl überarbeitet und verstärkt.

Auffallen ist garantiert. Besonders in urbaneren Gebieten sorgen die gewachsenen Aussenmasse und die Anbauteile für erstaunte, fast schon verwirrte Gesichter. Der Raptor ist massiv breiter (+16,8 Zentimeter), länger (+4,4 Zentimeter) und höher (+5,2 Zentimeter). Die Bodenfreiheit wächst auf 283 mm, die Wattiefe beträgt 850 mm.

Innen sitzt man gut. Kontrastnähte sind in Blau gehalten, hier und da einen Raptor-Schriftzug und sonst grösstenteils funktionale Nutzfahrzeug-Optik mit einem Plus bei den gewählten Materialien. Das hat seinen Charme, ist funktional und Funktionen wie der Drehschalter zur Wahl zwischen Frontantrieb (2WD) und zwei Stufen von Allradantrieb (4WD High und 4WD Low) sind so massiv gehalten, dass man sie auch gut mit Handschuhen bedienen kann oder blind, während man nebenan eine Mauer baut oder sonst etwas richtig „Männliches“ anstellt.

Erstaunlich angenehm ist auch das geringe Geräuschniveau der Geländereifen, sowie der Soundgenerator, der sich angenehm im Hintergrund hält. An Assistenten gibt es eine Verkehrszeichenerkennung, einen Spurhaltewarner, aber leider kein Abstandstempomat, was beim normalen Ranger optional verfügbar ist. Zudem eine Rückfahrkamera mit Parksensoren, aber keine Parksensoren vorne.

Auf der Ladefläche ist Platz genug für eine Standard-Europalette, dazu gibt es unzählige Möglichkeiten, die Ladung per Verzurrösen oder Längsschienen zu sichern. Weiter kann eine abschliessbare Abdeckung nach vorne gezogen werden, welche die Ladefläche abdeckt und sichert.

Durch die Modifikationen reduziert sich allerdings die Nutzlast von 1.000 auf 620 Kilo und die Anhängelast von 3.500 auf 2.500 Kilo. Randnotiz. Ohne Beladung fährt es sich ohnehin dynamischer..

Was bleibt also?
Der Ranger Raptor eröffnet ein neues Kapitel an Fahrspass. Hinter einem ordinären Datenblatt verbirgt sich ein richtiger Quell der Freude, der mit seinem vernünftig-unvernünftigen Mittelweg eine wunderbare Abwechslung in den sonst so tristen Auto-Alltag bringt. Bitte mehr davon.

Ein grösserer Motor hat einen Platz auf der Wunschliste verdient, zudem könnte Ford mit weiterem optionalen Offroad-Zubehör noch mehr die Herzen der Fans von emotionalen „Trucks“ erobern.

Der Verbrauch lag im Schnitt bei 9,6 Liter Diesel / 100 km. Der Preis für den Ranger Raptor liegt bei CHF 57’650 Franken, inklusive sämtlichen Ausstattungsfeatures, von den schönen Sportsitzen über die Multimedia-Ausstattung bis hin zum Rollo über der Ladefläche.

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9 Kommentar

  1. So ein schönes Auto! Danke für den tollen Bericht. Gleich nächste Woche werde ich mich in einer Autogarage in St. Gallen ausführlich über das Auto beraten lassen.

  2. Selten einen so spannenden Fahrzeugbericht gelesen. Mir war als wäre ich bei der Testfahrt dabei gewesen. Ich liebäugle seit längerem mit dem Raptor, jetzt muss ich das Fahrzeug definitiv probefahre! Danke.

    1. Lieber Daniel, schön zu hören – genau das ist unser Ziel. Eine unverblümte Vorschau auf eine mögliche Testfahrt. Manchmal sehr positiv (wie hier) und manchmal auch negativ – denn wir sind werbefrei und werden von keinem Hersteller beeinflusst. Von Freunden der gepflegten Extrarunde für Freunde der gepflegten Extrarunde. Herzliche Grüsse, dein Team von OneMoreLap.com

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